# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 12 08_S69 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) dem eines europäiſchen Kaplans; und nicht iſt allemal das Arbeitsfeld ein Garten Gottes, ſon⸗ dern eine Wildniß oder ſteiniger unbebauter Acker. Hier gilt vornehmlich das Wort des HErrn Matth. 10, 16. Vergl. auch C. 7, 6. Der Pre⸗ diger gewöhne ſich an ſchnelle, ruhige Beſonnen⸗ heit; wegen Mangels an Zeit und der Verhält⸗ niſſe iſt oft nicht viel Hin- und Herrathen mög⸗ lich, und deſſen ungeachtet bisweilen ſo ſonderbar oder verwickelt die Fälle. Wer ſie nicht erfährt, vermag er ſie ſich zu veranſchaulichen? Segnend hält über dich IEſus, dein Erzhirte, die hohen⸗ prieſteilichen Hände. 5. Laß dich durch Rohheiten, auf welche du in deinem Amte ſtoßen wirſt, niemals niederſchlagen und den Muth dir entfallen. So tief das deutſche Volk auch ſinken kann, ſo hat es doch noch einen Kern, den du bei treuem Ausharren gewiß und ſicher finden wirſt zur großen Freude deiner Seele und herrlichen Belohnung deiner kampfesvollen Arbeit. Mancher ſieht wohl eine Zeitlang übel, ja grundböſe aus, und hat ſich längſt an der An⸗ gel des göttlichen Wortes feſtgebiſſen, gegen die er nur noch ſich ohnmächtig wehrt, bis er endlich ſich ergibt. Ueberhaupt urtheile nie nach dem Schein, ſondern ſammle dir Kenntniß des menſch⸗ lichen Gemüths, ohne ein Herzenskündiger ſein zu wollen, damit du die Hülle von der Wahrheit zu löſen wiſſeſt. Anm. Die Stimmung ſelbſt in den Ge⸗ meinden hängt oft bloß von äußerlichen Um⸗ ſtänden und vom Scheine ab, nach welchem die Meiſten gehen, den aber die Hand des Höch⸗ ſten nach Seinem Rath und Willen auch wie⸗ der ändern kann (Pſalm 77, 11.). Was man ſcheint, hat Jedermann zum Richter; was man iſt, hat keinen. (1 Kor. 2, 15.) Was man daher nicht aufgibt, hat man nie verloren. Der Prediger trachte nach einem Schatze ſtetiger Erfahrungen und Lebensweisheit, ſo wird er chriſtlich ſtandhaft und gleichmüthig in ſeinem Gange werden, daß ihn nicht leicht Etwas irren kann. Des Menſchen Thaten und Ge⸗ danken ſollen nicht ſein, wie die blind beweg⸗ ten Wellen des Meeres; die innere Welt des Geiſtes iſt der tiefe Schacht, aus dem auch die Wahrheit, in Beſitz genommen, ewig quelle. Ihre Strahlen freilich, welche ſinnvoll und leuchtend dieſer geheimnißvollen Geburtsſtätte entfahren, werden ſchwer begriffen; derſelben Reichthum iſt den meiſten im Treiben dieſes Lebens Befangenen verſchloſſen; weßhalb auch Luther ſo zahlloſen Mißverſtändniſſen unter⸗ worfen war, ſein Ausdruck war über den ge⸗ wöhnlichen Kreis des Denkens weit erhaben. Man lerne von ihm und ſeinem großen Lehrer Paulus die wahre Accommodation, vergleiche 1 Kor. 9, 19. ff., ohne jedoch für den Anglo⸗ americanismus deutſches Volksthum, Sitte, deutſche Mundart ſchnöde aufzuopfern, oder in die Sprache vergangener Jahrhunderte das ganze Lutherthum zu bannen. Lockt man mit ſolchen Anmerkungen auch keinen Hund vom Ofen, wozu ja vielmehr eines Stockes man be⸗ nöthigt iſt: ſo will ich doch damit nur ſo viel — 9—— ſagen, daß, wenn Erkennen und Glauben die Seligkeit, Gott ſelbſt ergreift, wir gleichwohl keinen Hügel von der Stelle rühren, weil unſers Glaͤubens ſo wenig iſt. 6. Zerſplittere nicht durch Dünkel in Metho⸗ den die Kraft, die von deinem Berufe in Anſpruch genommen wird. Bete und wache, ſtudire und predige unverdroſſen, ſtreue den Samen in Einfalt aus, wie Gott es geordnet, bei Großen und bei den Kleinen, und warte mit des Ackermanns Geduld, mit welcher du vorzugsweiſe deine Seele waffnen mußt (Luk. 21, 19.), auf die Zeit der Ernte (2 Timoth. 2, 6.). Ein paſſendes Wort in göttlicher Gewißheit ge⸗ redet, richtet weit mehr aus, als das zudringliche oder leichtfertige Poltern und Schwatzen. Manche Saat geht ſpät auf, trägt aber dann deſto edlere Frucht. Mancher denkt Wunder, die er ausge⸗ richtet hat, und beim Lichte beſehen, iſt's bloß ein faules Holz! Manches legt ein Klügling ganz anders aus, was Zucht des Geiſtes, tiefes Ge⸗ fühl der eigenen Schwachheit, die Furcht und Seligkeit eines zarten Gewiſſens in Gott iſt. 7. Ahme um keinen Preis die amerikaniſchen Sectenprediger nach, ſondern bleibe mit unermüd⸗ licher Sorgfalt bei den durch's Zeugniß der Alten ſchon bewährten trefflichen Gebräuchen deiner gläubigen Väter. Mache aber deine Mutterkirche dir nicht ſelbſt zur Secte durch Anſehen der Perſo⸗ nen, und ſtoße nicht unbedachtſam an ein Wespen⸗ neſt; du möchteſt es ſonſt ſchwer zu bereuen haben. 8. Sei in allen gleichgültigen Dingen gelind und nachgiebig gegen deine Gemeindeglieder, da⸗ mit du dann in göttlichen, die der Seelen Heil und Seligkeit betreffen, deſto unbeugſamer und ſtrenger ſein kannſt. Verwechſele nicht weltför⸗ miges Beſuchen mit Seelenſorge und ſuche bei Allem, wie du verfährſt in Bezug auf die dir an⸗ vertrauten Seelen, ſichern Grund in Gottes Wort. 9. Zeige niemals Bauchſorge, vermeide jeg⸗ lichen Schein, als ſuchteſt du durch freundliches Betragen das Zeitliche; ſtrafe aber auch getroſt, um Gottes und der Seelen willen, wenn die Undankbarkeit gegen das Evangelium ihre offen⸗ bare Stufe erreicht. Siehe an die Güte und den Ernſt Gottes (Röm. 11, 22.), die Sanftmuth und den Eifer des HErrn JEſu. 10. Gehe brüderlich und in holdſeliger Selbſt⸗ verleugnung mit deinen Zuhörern um, ohne dich, wenn ſie noch nicht in wahrer Frömmigkeit ge⸗ gründet ſind, ihnen gleichzuſtellen — am allervor⸗ ſichtigſten mit angefochtenen oder wenigſtens ſoru⸗ pulöſen Chriſten. Entferne allen Prieſterſtolz, wehre aber auch der Verachtung göttlicher, durch Gottes Wort eingeſetzter, Stände. Laß du dich Niemand verachten (Tit. 2, 15.); dulde keinen Ungehorſam der Jugend gegen die Eltern (Epheſ. 6, 1. 1 Petr. 5, 5.). 11. Erleide lieber Hartes, ehe du dich zu einem Menſchendiener erniedrigſt (Gal. 1, 10.); weiche nicht eine Stunde, dadurch Chriſtus und ſein hei⸗ liges Evangelium verleugnet werden könne (Gal. 2, 5.); achte es für deinen höchſten Schmuck, Ihm treu erfunden zu werden, und großherzig als ein Geringes, von Ungeiſtlichen oder Kindiſchen, von einem menſchlichen Tage gerichtet zu werden (1 Kor. 4, 2. 3.); laß du der Welt ihr Theil und bringe dein Leben dem Lamme Gottes zum Opfer, behalte aber ein Herz voll Liebe und Treue, voll Demuth und Verſöhnlichkeit auch gegen die, ſo dir wehe thun, frei von aller Gewalt des Grolls und der Bitterkeit. Laß dir dein Herz auch durch trübe Erfahrungen nicht vergällt werden. (Matth. 6, 12. Luk. 23, 34.) 12. Wo du dich zu mir hältſt, ſpricht Gott, ſo will ich mich zu dir halten und ſollſt mein Predi⸗ ger bleiben; und wo du die Frommen lehreſt, ſich ſondern von den böſen Leuten, ſo ſollſt du mein Lehrer ſein; und ehe du ſollteſt zu ihnen fallen, ſo müſſen ſie eher zu dir fallen (Jerem. 15, 19.). Vergiß aber auch nicht, daß der Allerheiligſte zwiſchen zwei Schächern am Kreuze hing und den einen mit ins Paradies nahm. Das Verderben außer dir ſei der Spiegel deines eigenen gottloſen Herzens (1 Moſ. 8, 21.), und entzünde dich mit der Flamme einer heiligen Begier, dem Satan ſeine unglückſelige Beute zu entreißen. — Gott hat dich wider das abgefallene Geſchlecht zu einer feſten, ehernen Mauer gemacht; ob ſie ſchon wi⸗ der dich ſtreiten, ſollen ſie dir doch nichts an⸗ haben; denn ich bin bei dir, daß ich dir helfe und dich errette, ſpricht der HErr (V. 20.). Es iſt ein hoher Adel um den Kreuzesorden. Anm. Wären wir Gläubige nicht ſo ſchüch⸗ terne und zur Abgötterei geneigte Menſchen, wir würden daſtehn unüberwindlich in der Einigkeit des Geiſtes. Wenn wir das ganze Menſchengeſchlecht in uns herzlich verachten und in der Liebe Gottes als einen theu⸗ ren, koſtbaren Schatz hochhalten, ſind wir Leute, vor denen der Teufel flieht. 13. Laß dir den dornenvollen Weg der Schmach und der Verachtung, wenn er gleich in's Fleiſch ſticht, ein ſicheres Unterpfand der zukünf⸗ tigen Herrlichkeit ſein, ſo du anders einen guten Kampf kämpfeſt und den Glauben hältſt (2 Tim. 4, 7.). Als die Unbekannten und doch bekannt, als die Gezüchtigten und doch nicht ertödtet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; arm, aber die doch Viele reich machen; wir haben Trübſal, aber wir ängſten uns nicht. (2 Kor. 6, 9. 10. 4, 8.) Gedenke, daß dein Heiland der Gegen⸗ ſtand des Muthwillens und Verhöhnung eines ganzen Volkes, Vornehmer und Geringer, war (Pſalm 22, 7. 69, 13. 21., vergl. auch 1 Kor. 4, 9. ff.) — nun aber erhöht wartet, Ibis daß alle Feinde zum Schemel ſeiner Füße liegen. Sei verſichert, wenn auch Niemand hier auf Erden ahnt, was du Schmerzliches empfindeſt, daß das Seufzen und blöde Bußgebet deines getretenen Herzens in das Gedächtniß gekommen iſt vor Gott (Apoſtg. 10, 31.), daß du in Ihm Friede und Ehre habeſt (Joh. 16, 33.), daß der Richter aller Welt deiner zur rechten Zeit gedenken werde, zum Preiſe Seiner unausſprechlichen Gnade. Denn wer dem HErrn befiehlt ſeine Sach', ſchweiget, leidet, braucht Glimpf, thut gemach, hält Glau⸗ ben und das Gewiſſen rein, des wird Gott ſelbſt Schutz und Rächer ſein. Amen, in JEſu Na⸗ men, Amen.