# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 24_S62 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) den durch das Wort des Geſetzes, heilte ſie aber auch wieder mit dem Balſam des Evangeliums. Mit einem Worte, Hahn war ein treuer, aufrich⸗ tiger, leutſeliger und dienſtfertiger Knecht Chriſti. Insbeſondere war er unverdroſſen, wenn es galt, ſeinem Nächſten zu dienen; da war es ihm nicht zu viel, die halbe Stadt zu durchgehen und hier und da das Anliegen ſeines Nächſten vorzuſtellen. Er hatte dazu von Gott die Gabe einer beſondern Herzhaftigkeit und Freundlichkeit bekommen, wo⸗ mit er die Gemüther ſo einnahm, daß ſie ihm nichts verſagen konnten. Beſonders gerühmt wird auch ſein Umgang mit Kranken, ſein Gebetseifer und ſeine Milde gegen die Armen, die ſich daher auch täglich in großer Menge bei ihm einfanden, und an die er in ſich ſelbſt vergeſſender Liebe faſt mehr vertheilte, als ſein Vermögen ertragen konnte. Rührend ſind die Worte, die der Selige in dieſer Beziehung in ſeinen ſchriftlich hinterlaſſenen Nachrichten aufgezeichnet hatte: „Er habe in ſei⸗ nem Leben mehr für andere Nothleidende als für ſich ſelbſt und ſein eigenes Haus ſorgen müſſen: Gott habe ihn auch aus der genauen Connexion (Verbindung) derſelben nie gelaſſen, ſondern ihm alle Tage neue Clienten (Schutzbefohlene) be⸗ ſchert, welchen er nicht allein wegen ihrer Noth, ſondern auch nach ſeinem innerlichen Triebe zur Barmherzigkeit und Mitleiden, dem er unmöglich widerſtehen können, höchſtnöthige Hülfe habe wi⸗ derfahren laſſen müſſen.“ Oft erfuhr er dabei großen Undank von denen, für die er ſich und ſeine Kräfte am meiſten aufgeopfert hatte. Aber auch dadurch wurde ſeine Liebe nicht geſchwächt. Alle dieſe herrlichen Tugenden hatten ihren Ur⸗ ſprung in einem ungefärbten Glauben. Ihm war die göttliche Wahrheit, welche die lutheriſche Kirche ſo lauter und rein bekennt, ein treues Kleinod, und mit Freuden ergriff er jede Gelegen⸗ heit, Irrende oder Verführte mit Liebe und Sanft⸗ muth zu einer vollkommeneren und beſſern Er⸗ kenntniß zu führen, und aus der Finſterniß des Irrthums zum Lichte der Wahrheit zu leiten. So traf es ſich denn auch, daß Hahn im Jahre 1723 einen Katholiken, Franz Laubler, der zur evange⸗ liſch-lutheriſchen Kirche übertreten wollte, auf deſſen eigenes Verlangen in der Lehre derſelben unterrichtete. Dieſer Menſch war 1684 in Ober⸗ hauſen bei Augsburg geboren; von Profeſſion ein Fleiſcher, daun Soldat und hierauf Heiduck bei dem Erzbiſchof von Valenzia geweſen, welches alles er mit vorgelegten Abſchieden und Zeugniſ⸗ ſen erwies; hatte übrigens Frankreich, Italien, Spanien und Polen durchzogen und verſtand ſich wohl auf die Sprachen der beiden erſtern. Sein Uebertritt wurde ihm von Seiten der lutheriſchen Kirche nicht eben leicht gemacht, um allen Schein der Proſelytenmacherei zu meiden, daher man ihn auch vielfältig über ſeinen Vorſatz und deſſen Ab⸗ ſichten ausfragte. Da er ſich denn endlich frei und feſt bei ſolchem Entſchluß, auch überhaupt empfehlenswerth erwies, ſo wurde er nach langem vorbereitenden Unterrichte in die lutheriſche Kirche aufgenommen. Der ſelige Hahn hatte ihn wäh⸗ rend dieſer Zeit zuweilen an ſeinen Tiſch genom⸗ men, auch öfters Geld zu ſeinem Unterhalte gege⸗ — 2— ben, und nun wurde er durch ſeine uneigennützige und vielvermögende Vermittelung unter die zu Dresden ſtehenden Schloßtrabanten gebracht. Er führte ſich hier zu allgemeiner Zufriedenheit auf, und da er nach drei Jahren verabſchiedet zu wer⸗ den wünſchte, brachte ihm Hahn auch ſeine Ent⸗ laſſung zu Wege. Bei dem allem aber war Laubler's Herz nicht richtig, ſondern voll bitterer Galle und verknüpft mit Ungerechtigkeit, denn er ging immer mit Papiſten um, beſuchte heimlich die Meſſe, und, obgleich auch jetzt noch manches Dunkel über die eigentlichen Urheber und Trieb⸗ federn von Laubler's verruchter That ſchwebt, ſo iſt es doch mehr als gewiß, daß die fanatiſche Wuth, die man in der römiſch-katholiſchen Kirche gewöhnlich gegen die ſogenannten Ketzer einflößt, ihn ganz beherrſchte und antrieb, eine That zu begehen, die uns noch heute mit Schauder und Entſetzen, ja mit Abſcheu gegen das Pabſtthum erfüllt, durch deſſen Lehren es bewirkt wird, daß das natürliche menſchliche Gefühl von einer durch Fanatismus erzeugten und genährten teufliſchen Bosheit völlig unterdrückt und erſtickt werden kann, und wodurch auch Laubler fähig wurde, ſeinen Lehrer und Beichtvater, Freund und Wohl⸗ thäter grauſam zu ermorden. Es war am 21ſten Mai des Jahres 1726, Dienstags nach dem Sonntage Cantate, Mittags nach ein Uhr, als M. Hahn eben im Kreiſe ſeiner Familie das Mittagsmahl genoß, als Franz Laubler ſich bei ihm anmelden ließ, unter dem Vorwande: „daß er etwas ſehr nothwendiges mit ihm zu reden habe“. Die Magd, welche die Meldung machte, kommt mit der Antwort wieder heraus, „daß, ſobald ihr Herr nur ein paar Biſſen werde zu ſich genommen haben, er ihn ſogleich ſprechen wolle“. — Mit dieſer Antwort war aber Laubler nicht zufrieden, ſondern befahl der Magd, ihn nochmals zu melden: „er müſſe vorgelaſſen werden, indem er ſeinem ehemaligen Beichtvater einen Gewiſſens⸗ ſcrupel zu entdecken habe, an dem Seele und Se⸗ ligkeit hange“. Jetzt ſtand der dienſtfertige Knecht Gottes in gewiſſenhafter Bereitwilligkeit von ſei⸗ ner Mittagsmahlzeit auf, ging zu dem Mörder heraus und redete ihn freundlich an, indem er fragte: „was ſein Anliegen ſei?“ Hierauf ant⸗ wortete Laubler: „er habe nun bei dem Traban⸗ ten⸗Corps ſeinen Abſchied bekommen, und käme noch einmal zu ihm, um ihm für erwieſene Wohl⸗ thaten Dank abzuſtatten, hauptſächlich dafür, daß er ihn zur evangeliſchen Religion bekehrt, ſein Beichtvater geweſen und ihm viel Gutes ge⸗ than“. — Ach Gott, welche Heuchelei, welcher Un⸗ dank! Honig im Munde, Galle im Herzen! — Der liebe ſelige Mann ſagte hierauf: „daß ihm dieſes gar lieb ſei“, und wünſchte Laublern aus Gottes Wort viel Segen. Hierauf fragte Laub⸗ ler, „ob er, M. Hahn, ein guter Hirte ſei?“ Die Antwort war: „Ich hoffe es.“ Nun zog der Böſewicht drei eiſerne Nägel, von denen jeder 8 Zoll ſtark und 7 Zoll lang war, hervor, die er ſich beſonders hatte fertigen laſſen, und fragte: „Ob nicht Chriſtus mit dergleichen Nägeln ſei an das Kreuz genagelt worden, und ob der Herr Ma- gister auch ſein Leben als ein guter Hirte für ſeine Schafe laſſen wolle, wie Chriſtus?““) Der liebe ſeligeh Mann antwortete hierauf: „Wenn Gott nach ſeinem heiligen Rathe dergleichen über ihn verhängen wollte, würde er ſich nicht weigern, wenn ſeinen anvertrauten Seelenſchäfchen dadurch ein geiſtlicher Seelennutzen könnte zuwachſen, um der Lehre und Wahrheit Chriſti willen zu ſterben.“ Nach dieſen Worten bricht auf einmal der ruch⸗ los verſtellte Böſewicht über die furchtloſe, unbe⸗ ö waffnete Unſchuld ſeines Lehrers und Wohlthä⸗ ters in die Schreckensworte aus: „und ſo wiſſe denn, Du Seelenverführer, daß ich von Gott ge⸗ ſandt bin, Dir augenblicklich das Leben zu neh— men.“ Bei dieſen Worten hatte er unvermerkt einen Strick hervorgezogen, den er dem ſeligen Manne um den Kopf werfen wollte, um ihn zu würgen, was aber Hahn durch ſeine vorgehaltene Hand hinderte und dieſe daher in den Strick ein⸗ geſchnünt wurde. Nun brachte der Bube dem theuren Märtyrer mit einem 10 Zoll langen Meſſer, welches er zu dieſem Behuf auf öffent⸗ lichem Markte gekauft hatte, zuerſt zwei Stiche in die linke Bruſt bei. „O IEſu, wie geſchieht mir!“ rief M. Hahn und eilte nach der Thüre zu den lieben Seinigen. Die Thüre war von ſeiner in Todesangſt ſchwebenden Gattin und Kindern verſchloſſen worden, denn ſie hatten das Toben des Mörders gehört, waren zu ohnmächtig, um den theuern Mann und Vater aus ſeinen Hän⸗ den zu entreißen, und ein Hülferuf auf die Straßt: „Kommt zu Hülfe, mein Mann wird ermordet“, war alles, was das arme Weib zu thun vermochte. Aber ehe Hülfe kam, hatte der Mörder ihm noch zwei Stiche in den Rücken gegeben, die ſo gefähr⸗ lich waren, daß eine große Pulsader bis über die Hälfte von dem ſcharfen Meſſer durchſchnitten wurde. „O JeEſu, hilf mir! Chriſte, du Lamm Gottes, erbarme dich meiner!“ rief der theure Mann, und ſank in Folge des großen Blutver⸗ luſtes und der erhaltenen tödtlichen Wunden ohnmächtig und faſt leblos zur Erde. Der Mör⸗ der ſchleppte ihn bis an die Treppe, wodurch Kopf und Geſicht entſtellende und tödtliche Contuſionen (Quetſchungen) erhielten, gab ihm noch einen Stich in die rechte Seite und das Achſelbein, ließ ihn auf den Stufen der Treppe mit nach unter⸗ wärts gekehrtem Haupte litgen und eilte davon. Die theure Seele des Märtyrers war entflohen; hingegangen zu Ihm, der ſie mit ſeinem Blute erkauft und rein gewaſchen hatte, und ihr nun den Lohn der Treue gab, der allen ſtandhaften Bekennern des Namens JIEſu aus Gnaden ver⸗ heißen iſt. Wer vermöchte wohl den Jammer und Schmerz der treuen Gattin unſeres Hahns und ihrer ſechs nunmehr verwaisten Kinder zu ſchildern, als ſie das theure Haupt des Hauſes, den frommen, redlichen Vater da vor ſich entſeelt in ſeinem Blute liegen ſahen? Keine Feder vermag dies zu beſchreiben, kein ſterblicher Mund vermochte da zu tröſten. Der Mund des ewigen, lebendigen *) Aus den Geſtändniſſen Laublers ging hervor, daß er den ſeligen Hahn habe in ſeine Studierſtube locken, darin erſt hängen und dann mit obigen Nägeln wirklich kreuzigen wollen.