# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1861_S104 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 104 Dr. Rudelbach's Kinderjahre. tragen konnte, blieb. Da lernt man einmal recht verstehen, was wir an den alten Erbauungsbüchern haben, und wie wohl man daran thut, sie (wie der Berliner Bücherverein) ohne alle Lappen, ohne alle Flickerei, so wie ohne alle Auslassungen zu reproduciren.“*) Wir bemerken hierbei, daß wir einst als Student Dr. Rudelbach besuchten; er führte uns in seiner ausgezeichneten reichhaltigen Bibliothek umher und fragte uns endlich, welches Fach uns wohl unter allen das liebste und werthvollste wäre. Wir zeigten auf das, welches die alten ascetischen Schriften unserer Kirche enthielt. Ueber diese unsere Wahl äußerte hierauf der gelehrte Mann eine ganz ausnehmende Freude, stimmte uns zu und ermunterte uns, diesen Geschmack uns zu bewahren. Rudelbach fährt in seiner Erzählung fort: „Man hatte mich schon anfänglich zum Handwerker bestimmt; allein der Vorsatz mußte, bereits da ich noch im Flügelkleide war, aufgegeben werden, nicht einmal einen Knopf einsetzen, eine Nähnadel einfädeln lernte ich. Sehr frühe erwachte in mir der Trieb, wo nicht zum Studiren, so doch zum stets erweiterten Einsammeln von Kenntnissen; dazu benutzte ich jedes fliegende Blatt, alles, was ich irgendwie in die Hand bekommen konnte. Wenn man mich fragte, was ich werden wollte, antwortete ich: „„Erst Priester, hernach Student.““ Es schien, als ob der liebe Gott sein Wohlgefallen an dem Kindeslallen hatte; aus dem Munde der Säuglinge hast du dir Lob bereitet. Freilich eine Aussicht zur Verwirklichung war nicht da, so wenig wie irgend eine geregelte pädagogische Leitung mir zur Seite stand. Gottes wunderbare Leitung und Führung mußte Alles thun. In unserem Hause wohnte als Miethsmann ein Ausgewanderter aus Stockholm, der sich durch Sprachunterricht ernährte. Sein Name war L. Hilfling — ein Name, der gewiß im Himmel angeschrieben ist. Diesen Mann gebrauchte Gott als einen Engel, mir den Weg zu bahnen. Hilfling merkte bald die, nach seinem Urtheil, vielversprechenden Anlagen des Knaben. Es kam wie von selbst, daß er mir in den neuern Sprachen Unterricht ertheilte, zuerst, wie ich meine, im Englischen; hierin wenigstens im Anfange mit dem größten Erfolg. Bald hatte ich es dahin gebracht, daß ich den Vicar of Wakefield exponirte und verstand. Welch eine Welt (the wide, wide world) öffnete sich mir in diesem Meisterwerke Goldsmith's. Vieles davon lernte ich auswendig; es drängte sich das ethisch Schöne tief in meine Seele ein. So lernte ich nun, begünstigt durch die volle Zustimmung meiner Mutter (denn obwohl sie keinen andern Ehrgeiz hatte, so hatte sie doch den, daß „„die Kinder etwas lernen sollten““) immer mehr, obgleich man für meine zukünftige Bestimmung noch keinen festen Plan entworfen; das sehr genügsame Einkommen machte meine Eltern bedenklich. Hilfling aber entfernte alle Bedenklichkeiten, indem er auch später mir zur Seite zu stehen ver⸗ *) Von einem anderen alten dänischen Büchlein, das ähnliche unvergeßliche Eindrücke in Rudelbach's Seele zurückließ, sagt derselbe: „Das unscheinbare Büchlein ist oft „„in diesem Jahre““ gedruckt; der Titel fehlte in meinem Exemplar; der Geist aber war da. Die Ewigkeitsblumen vertragen sich gut mit „„diesem Jahr.““ Um solche Blumen prießen zu machen, wären recht viele „„Nachdrücke““ zu wünschen.“