# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1861_S92 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 92 Referat über die Predigt der rechten Lehre von der Rechtfertigung. Das eine nämlich ist das Gnadenreich in der Zeit, dessen Herrlichkeit bis zum jüngsten Tage verborgen, dessen Kreuzesgestalt aber offenbar ist und bleibt. Das andere ist das Reich der Herrlichkeit außer und über aller Zeit, das da ewig bleibt und darin das Gnadenreich am Tage der Wiederkunft Christi zum Gericht aufhört und aufgeht. Nicht minder bezeugen alle klaren, die heilsamen Lehren begründenden Stellen der h. Schrift, daß der jüngste Tag jeden Tag zu erwarten sei. Demgemäß steht also das Herz eines gesunden wahrhaft im rechtfertigenden Glauben lebenden Christen einzig und allein „in dem Warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unsers Heilandes Jesu Christi.“ Bis dahin, bis zu dieser letzten Erscheinung am letzten Tage dieses Weltlaufs ist sein Leben verborgen mit Christo in Gott. Wenn aber dann Christus, sein Leben, sich offenbaren wird, dann wird er auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit. Wer nun wider diese sonnenklaren Lehrstellen der h. Schrift in das Helldunkel einzelner prophetischer Stellen sich zurückzieht und darin herumwühlt, um nach dem Gelüsten seines geistlichen Fleisches ein tausendjähriges Freudenreich zwischen dem Gnaden⸗ und Ehrenreiche darin zu finden und darnach solch Fündlein sogar als Lehre der h. Schrift unkundigen Leuten vorzugaukeln, der ist mindestens ein leichtfertiger Phantast und Enthusiast, ohne wahre Furcht Gottes und seines Wortes und kein nüchterner, einfältiger, besonnener evangelischer Christ d. i. kein Lutheraner. Und wie es gewiß ist, daß ein solcher Mensch durch diese seine schwärmerischen Behauptungen den rechtfertigenden Glauben in seinen nächsten seligen Wirkungen, wie oben angezeigt, entschieden beschädigt und verderbet: so ist es eben so gewiß, daß er auch für seine Person nicht in diesem Glauben lebet und webet, d. i. arbeitet und ruht, ißt und trinkt, wacht und schläft, kämpfet und leidet, duldet und hoffet, lebet und stirbt. Ein solcher, wenn er will nüchtern werden von diesem zauberischen chiliastischen Gaukel⸗ und Blendwerk, darin sich auch der Teufel verstellet in einen Engel des Lichts, der nehme die Augensalbe des kleinen lutherischen Katechismus und bedenke mit Fleiß die Auslegung der ersten Bitte, darin es bekanntlich auf die Frage, wie der Name Gottes geheiligt werde, also lautet: „Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehret wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, darnach leben, das hilf uns lieber Vater im Himmel! Wer aber anders lehret und lebet, denn das Wort Gottes lehret, der entheiligt unter uns den Namen Gottes; da behüte uns für, lieber himmlischer Vater!“ Wie vor dem Anfange dieser Arbeit, so sei es hier noch einmal an dem Schlusse derselben gesagt, daß sie nur ein Versuch sein sollte, nachzuweisen, wie die Lehre von der Rechtfertigung recht zu predigen sei. Und ebenso möge auch der andere Theil angesehen werden, darin nachzuweisen versucht wurde, wie die Lehre von der Rechtfertigung in der Predigt andrer, meist mit ihr zunächst verbundener Lehren mittelbar beschädigt und verderbt werde. W. Sihler.