# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1861_S82 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 82 Referat über die Predigt der rechten Lehre von der Rechtfertigung. glaube, darin die Leute nicht am Worte des Evangelii und der Absolution hangen und haften, sie mögen davon und darin einen süßen Schmack haben oder nicht; vielmehr ist es also mit ihnen bewandt, daß sie nur so weit glauben, als sie, wie sie gern zu sagen pflegen, die Nähe des Herrn fühlen, und das Wesen des Geistes spüren. Ohne alles Fühlen der Gnade, ja wider das Fühlen des göttlichen Zornes und der Anklage des Teufels, des Gesetzes und Gewissens am Worte der gnädigen Verheißung und an der Absolution des Evangelii festzuhangen, das ist ihnen schier ein unmöglich Ding. Und daher kommt es, daß sie kein festes Herz und Gewissen erlangen, das der Gnade Gottes in Christo und der Vergebung der Sünden im Glauben des Evangelii gewiß ist, und am väterlichen Herzen Gottes — es sei denn in zeitweiser Anfechtung — nicht irre wird, auch wenn er sich zuweilen fremd und hart stellet und sie in den Schmelztiegel und Feuerofen der Trübsal und Anfechtung hineinstecket, um das Gold des Glaubens auch von den pietistisch⸗gesetzlichen Schlacken immermehr zu läutern. Vielmehr haben diese pietistischen innerlich werkerischen Heiligen immerdar ein ängstliches, unruhiges, schwankendes Herz und Gewissen. Ist ihnen süß und lieblich zu Muthe, wenn das Evangelium einen sonderlichen Eindruck auf ihr Gefühl gemacht hat, so halten sie dies Fühlen für den rechten Glauben, zweifeln dann auch nicht, daß Gott ein väterlich Herz und Gemüth gegen sie trage, und daß sie als seine lieben Kinder mitten in seinem Schooße sitzen. Ist aber dieser Eindruck des gehörten oder gelesenen Evangelii vorüber, ja ist ihnen dürr und trocken, oder gar bang und schreckhaft zu Muthe, zumal wenn sie wieder die Donner von Sinai hören und das Gewissen ihre Sünden ihnen aufrückt, so meinen sie wieder, daß es mit ihrem Glauben aus sei, und Gott mit ihnen zürne, statt, nach dem Vorgang des cananäischen Weibes, im gläubigen Festhalten der gnädigen Verheißung dieser Schrecknisse sich zu erwehren und an der Absolution Christi: „Sei getrost, mein Sohn, meine Tochter, deine Sünden sind dir vergeben,“ heute wie gestern, und morgen wie heute, wie der Säugling an der Mutterbrust, im nackten Glauben hangen zu bleiben. Die evangelische d. i. lutherische Predigtweise lautet also immerdar: Du bist durch und in Christo vollkommen erlöst, und dir also auch die Rechtfertigung bereits erworben, und es wird dir solcher Gnadenschatz im Worte der Absolution oder des Evangelii ausgetheilt, damit du glaubst d. i. diesen Schatz der Vergebung der Sünden als dein zu dir nimmst, das bereits Vorhandene dir nun auch aneignest und dann ein Gerechtfertigter im engeren Sinne heißest und seist, d. h. ein solcher, der die in Christo bereits vollzogene Rechtfertigung angenommen hat. Die gesetzlich⸗pietistische, innerlich⸗werkerische Predigtweise ist aber: Du bist erlöst, wenn du glaubst d. i. durch rechten, starken, auch durch die Liebe nach Außen hin thätigen Glauben, dieser gnädigen Erlösung dich würdig machst. — Eine vierte Beschädigung, Beeinträchtigung und Verderbung der evangelischen oder lutherischen Lehre von der Rechtfertigung, die dermalen auch unter vermeintlich ausbündigen Lutheranern sich ziemlich geltend macht, ist der eben geschilderten entgegengesetzt.