# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 16_S50 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Seligkeit gefunden zu haben ſich rühmen, halten ſie nicht für Fortſchritte, ſondern für Rückſchritte, nicht für Bauen, ſondern für Niederreißen und Zerſtören. Ein anderer Vorwurf iſt's, wenn man das Concordienbuch eine Menſchenſatzung und die Verpflichtung auf dasſelbe ein Gewiſſensjoch nennt. Menſchenſatzun⸗ gen, im übeln Sinn, ſind Gebote, von Menſchen erſonnen, die den Geboten Gottes an die Seite geſetzt werden. Dieſer Begriff von Menſchen⸗ ſatzungen aber trifft das Concordienbuch nicht im entfernteſten, denn obwohl es, ſeiner äußeren Form nach, von Menſchen verfaßt iſt, ſo iſt doch ſein Inhalt nicht von Menſchen erſonnen, ſondern aus der Quelle der ewigen Wahrheit, der heiligen Schrift, genommen und ſomit iſt ſein Inhalt Gottes Wort ſelbſt. Gleichwie nun ein jeder Chriſt Gottes Wort anzunehmen ſchuldig iſt, ſo macht es die lutheriſche Kirche ihren Gliedern, und insbeſondere ihren Lehrern, zur Pflicht, ſich zu dem im Concordienbuch niedergelegten und be⸗ kannten Glauben zu bekennen, weil ſie von deſſen Schriftmäßigkeit überzeugt iſt. Niemand wird zu dieſem Glauben gezwungen, jeder hat vollkommene Freiheit. Wer aber das Concordienbuch und deſſen Inhalt verwirft, der kann nicht Anſpruch machen auf Gliedſchaft dieſer Kirche, noch als ein Lehrer dieſer Kirche geduldet werden. Ebenſo unerheblich iſt der Einwand, man brauche keine Bekenntnißſchriften, man habe an der Bibel genug; an ſie allein ſei das Gewiſſen zu binden. Gleich als wollte die luthe⸗ riſche Kirche ihr Concordienbuch der Bibel an die Seite ſtellen, oder ihr dadurch eine Stütze geben. Das ſei ferne! Die Bibel iſt hinreichend, beides, zur Seligkeit und zum Weſen und Beſtehen der Kirche. Nur die Umſtände haben kirchliche Be⸗ kenntniſſe nöthig gemacht. Weil nemlich viele den Namen und Ruhm der Kirche ſich zueignen, auf die heilige Schrift ſich berufen, und doch un⸗ ter dem Deckmantel der Schrift und Kirche ge⸗ fährliche Irrthümer verbreiten, ſo iſt die recht⸗ gläubige Kirche genöthiget worden, Bekenntniſſe des wahren Glaubens zu ſtellen, theils um ſich von falſchgläubigen Kirchen gemeinſchaftlich zu unterſcheiden, theils um ein Merkmal zu haben, dadurch ſich ihre Glieder gegenſeitig kennen. Wer dies im Auge behält, wird im Concordienbuch weder eine Menſchenſatzung noch eine unnöthige Sache finden. Wir kommen zu einem dritten Vorwurf; das Concordienbuch ſoll ein Buch todter Ortho— doxie, von todten Orthodoxen verfaßt, und einem lebendigen Chriſtenthum hinder⸗ lich ſein. Die dieſe Behauptung thun, wiſſen ſicherlich nicht, was Orthodorie iſt. Orthodorie heißt ſo viel als reine, ſchriftgemäße Lehre. So wenig nun die heilige Schrift ohne große Gottes⸗ läſterung ein todter Buchſtabe genannt werden kann, ebenſo wenig auch Orthodoxie. Wohl kann es todte Orthodoxe geben, die zwar die reine Lehre kennen, aber ihre Kraft in ſich hindern und im geiſtlichen Tode liegen; wohl iſt Heterodoxie, d. i. falſche Lehre, ein todtes, ja ein tödtendes 50 Wort; aber Orthodorie iſt niemals todt, ſie iſt vielmehr die Quelle des geiſtlichen Lebens. Die Verfaſſer des Concordienbuchs aber als todte Or⸗ thodore zu ſchmähen, beweiſ't zum mindeſten eine gänzliche Unkenntniß des wahren lebendigen Chri⸗ ſtenthums, oder daß man ein verkrüppeltes Ge⸗ fühlschriſtenthum mit dem wahren Chriſtenthum verwechſelt. Wir berufen uns auf alle, die das Concordienbuch mit wahrheits⸗ und heilsbegieri⸗ gem Herzen leſen; ſie werden bekennen, daß es vom inneren Leben des Glaubens gerade ſo redet, wie es alle wahre Chriſten in ſich erfahren. Ferner beſchuldigt man das Concordienbuch, es herrſche ein liebloſer ver dammungs⸗ ſüchtiger Geiſt in ihm und ſei eine Urſache, daß der traurige Riß, der zwiſchen den Luthera⸗ nern und Reformirten entſtanden iſt, immer noch fortdaure. Sonderlich iſt heutigen Tages, wo Union, Vereinigung das dritte Wort iſt, der Theil des Concordienbuchs, den man die Concor⸗ dienformel nennt, allen Unionsfreunden ein ver⸗ haßtes Buch. Da über dieſen Gegenſtand im „Lutheraner“ ſchon oft ausführlich gehandelt wor⸗ den iſt, ſo faſſen wir zur Antwort auf dieſe Be⸗ ſchuldigung das Geſagte nur nochmals ſumma⸗ riſch zuſammen. Das Concordienbuch iſt kein Feind der Eintracht; ſein ganzer Zweck, wie auch ſchon ſein Titel beſagt, geht dahin, wahre Ein⸗ tracht unter den Chriſten herzuſtellen. Der zwi⸗ ſchen Lutheranern und Reformirten entſtandene Riß iſt nicht durchs Concordienbuch verſchuldet worden, ſondern durch diejenigen, welche durch hartnäckiges Vertheidigen gefährlicher Irrthümer die Einigkeit des Glaubens zertrennt haben. Das Concordienbuch iſt nur einer falſchen, d. i. auf Gleichgültigkeit gegen die himmliſche Wahrheit, auf Ueberſehen gefährlicher Irrthümer beruhenden Vereinigung oder Union feind; dies gereicht ihm aber nicht zum Vorwurf, ſondern iſt ein großes Verdienſt. Was die Verwerfungs⸗ und Ver⸗ dammungsurtheile betrifft, die das Concordien⸗ buch, und namentlich die Concordienformel, über Irrlehrer ausſpricht, ſo iſt es nicht die Meinung, einfältige, aus Schwachheit irrende Perſonen, oder ganze irrgläubige Kirchen, darin dennoch Kinder Gottes ſich befinden, zu verdammen; ſondern nur der Irrthum und deſſen hartnäckige Lehrer und Vertheidiger werden verdammt. Dieß Letztere aber thut es dem Befehle und Vorbilde Chriſti und ſeiner Apoſtel gemäß. So groß endlich auch der Riß ſein mag, ſo macht doch das Concordien⸗ buch eine Heilung desſelben und eine Vereinigung der getrennten Kirchen nicht unmöglich, aber ſtellt die Bedingungen auf, unter welchen allein ſie geſchehen kann, aufrichtige Losſagung von den bisher behaupteten Irrthümern und ungeheuchelte, herzliche, rückhaltsloſe Einigung unter Einem Be⸗ kenntniß des Glaubens, eben desjen igen, welches im Concordienbuch niedergelegt iſt. Nach dieſer Erklärung, wer möchte in jene Beſchuldigung ein⸗ ſtimmen? Endlich hat man das Concordienbuch allerlei Irrthümer beſchuldigt; dieß haben gethan die Papiſten, die Reformirten, (und das kann uns nicht Wunder nehmen), ſo wie auch etliche an⸗ dere zankſüchtige Leute, die einzelne Worte aus ihrem Zuſammenhang geriſſen haben und dann aus ihnen einen Irrthum haben ſchmieden wollen. Gegen dieſe Anklagen laſſen wir das Concordien⸗ buch ſich ſelbſt rechtfertigen und ſind gewiß, daß es ſich im Gewiſſen jedes wahrheitsliebenden Chriſten als ein lauteres Zeugniß der ſeligmachen⸗ den Wahrheit bewähren wird. Man leſe das Buch nur mit einem aufmerkſamen Gemüthe, man prüfe die darin vorgeſtellten Wahrheiten nach Gottes Wort, man gehe ſelbſt den Weg zur Se⸗ ligkeit, den es anweiſet, den Weg der Buße und des Glaubens, man laſſe den Heiligen Geiſt, der in alle Wahrheit leitet, in ſich wirken, ſo wird man nie ohne Lob und Preis des Allerhöchſten es aus der Hand legen und der Heilige Geiſt wird im Herzen ſelbſt zeugen, daß Geiſt Wahrheit iſt. So empfehlen wir denn nochmals den lieben Le⸗ ſern dieß koſtbare Buch und bitten diejenigen, die es noch nicht beſitzen, die Gelegenheit, welche ihnen Herr Ludwig in New Rork zur Erlangung dieſes Schatzes anbietet, nicht unbenutzt vorüber⸗ gehen zu laſſen. Je lebhaftere Theilnahme der Herausgeber für ſein rühmliches Unternehmen finden wird, deſto mehr wird er ſich beeilen, es in Ausführung zu bringen. (Fortſetzung folgt.) (Eingeſandt von Dr. Sihler.) Der Lutheran Observer über unſere Synode. In No. 1 des 15. Jahrgangs des Lutheran Observer, bekanntlich die Zeitſchrift der ſo⸗ genannten lutheriſchen Generalſynode, iſt auch unſerer Synode und ihrer diesjährigen erſten Ver⸗ ſammlung Erwähnung gethan. Da aber nicht nur einige kurze Auszüge aus dem geſchichtlichen Thatbeſtande ſowohl unſerer Synodalconſtitution als auch unſres erſten Synodalberichts geliefert, ſondern auch einige Anſichten geäußert ſind, dit von einer ſchiefen und irrigen Auffaſſung, theils unſerer Geſinnung überhaupt, theils einzelner unſerer Synodaleinrichtungen, zeugen: ſo wird es hoffentlich nicht am unrechten Orte ſein, dieſe Anſichten, ob Gott will, berichtigen zu helfen. Dieſer Unterricht aber geſchieht auch vornehm⸗ lich um der Unſeren und der näheren Leſer des „Lutheraners“ willen, da mehrfach zu beſorgen iſt, daß dieſer und jener entweder jene Auffaſſung theilt oder über den fraglichen Gegenſtand ſich noch in ziemlicher Unkunde befindet. 1. Der Einſender des erwähnten Aufſatzes in dem Lutheran Observer, Namens Hermann, leitet ihn mit folgenden Worten ein: „Dieſe neue Synode iſt aus echten „Alt⸗Luthe⸗ ranern“ zuſammengeſetzt — den wahrhafrigen fleckenloſen Orthodoxen, deren Theologie ſo ſtrac und gerade (straight) iſt, als die ſymboliſchen Bücher ſie machen können, und deren gottesdienſ⸗ liche Bräuche ſo ſteif ſind, als ſolche durch und durch gebildete (thorough-bred) Altſchulleute ſie nur wünſchen können.“ Hiebei müſſen wir nun zunächſt wiederum ge⸗ gen die uns aufgedrungene Bezeichn ung: „Alt⸗