# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1860_S369 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die lutherische Kirche in Ungarn. 369 einen Lokalinspecter sich aus der Mitte der Weltlichen (meistens jedoch aus Adeligen) gewählt hat. Diese armselige Gestalt der Verfassung, wie wir sie eben gezeichnet haben, trägt die lutherische Kirche Ungarns im Großen und Ganzen bis auf die neueste Zeit. Unter Ferdinand V. 1835—1848 bilden besonders die Bestimmungen des Landtages von 1843—4, welche sich auf die Erziehung der Kinder gemischter Ehen, eheliche Reversen und den Uebertritt von einer Kirche zu der anderen beziehen, (welche Bestimmungen zu Gunsten der Lutherischen festgestellt waren), — ein erfreuliches Moment. Der 20. Artikel des Landtags von 1848 stellt das allgemeine Prinzip der völligen Gleichberechtigung aller in Ungarn recipirten Religionen auf. Allein diese Beschlüsse haben wegen der bald darauf ausgebrochenen Revolution keine wirkliche Geltung erlangt. Bevor wir nun die weitere Geschichte der lutherischen Kirche Ungarns bis auf den heutigen Tag darlegen, wollen wir das kirchliche Leben in den zwei letzten Dezennien etwas näher zu schildern suchen. Da werden wir nämlich den Zeitraum von 1830 bis 1850 in's Auge fassen. Die Aufklärung hat leider auch in der lutherischen Kirche Ungarns unter den Geistlichen, Lehrern und besonders unter dem Adel viele Vertreter gefunden. In der Zeit nämlich, als in Deutschland die Rückkehr zur positiven kirchlichen Lehre begann, sehen wir in Ungarn die Aufklärung sich erst sehr mächtig verbreiten. Wir können sagen, daß in den erwähnten zwei Dezennien, ja bis auf die neueste Zeit unter den lutherischen Geistlichen, Lehrern und Adeligen (die eigentlich die bei uns sogenannte „Intelligenz“ vertreten) keine bedeutende Anzahl sich aufweisen läßt, die sich zur positiven kirchlichen Lehre treu bekennte; die wenigen aber, die entschieden kirchlich lutherisch sind, werden von den Aufklärern als Heuchler und mit anderen Schimpfnamen bezeichnet und unaussprechlich gehaßt. — Der Eid auf die Symbolischen Bücher ist gänzlich abgeschafft, und es ist kaum glaublich, welche Unwissenheit gepaart mit Verachtung und Geringschätzung die sogenannten ungarischen Gelehrten und die intelligenten Vornehmeren an den Tag legen, wo die Religion, der Glaube und die Schriftlehre zur Sprache kommt. — Die kirchlichen Anstalten der gläubigen Vorfahren an den Orten, wo sich die Schulen befinden, werden durchweg von den „hochgelehrten Professoren“ entweder ignorirt, oder wenigstens so geringschätzig behandelt, daß die Schüler dadurch gewiß zu keinem ernsten christlichen Bewußtsein geführt werden. Ein tief geprüfter und zu dem lebendigen Glauben der Väter sich treu bekennender Mann aus der Mitte unserer lutherischen Geistlichkeit aus Unterungarn spricht sich über diesen Zeitraum (Hornyansky, Evang. Wochenblatt Nr. 46, S. 747 im Jahr 1859 folgendermaßen aus: „Man hat uns ungläubig, unkirchlich erzogen. Unsere höheren Lehranstalten waren die Werkstätten jenes oberflächlichen Vernunftglaubens, der sich mit der Ge⸗