# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S343 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther und Melanchthon. 343 Gottvertrauen, dessen Blick in das Große und Ganze der Sachlage. Während Melanchthon vor und bei der Uebergabe der Augsburgischen Confession von einem Bunde mit den Schweizern und Oberdeutschen nichts wissen wollte, weil er glaubte, daß deren Gemeinschaft einer Versöhnung mit der römischen Richtung hinderlich sei, und von einem Zwingli, als derselbe Karl V. sein Bekenntniß übersandte, urtheilte, er sei einfach verrückt, betrieb er in der Folgezeit einen Bund mit den Schweizern und Oberdeutschen gar eifrig und verständigte sich mit Calvin in einem Grade, der Calvin bestimmte gegenüber den deutschen Lutheranern, die ihn in der Abendmahlsfrage bedrängten, sich auf Melanchthon zu berufen, der in diesem Punkte mit ihm so verbunden sei als er mit seinen Eingeweiden. Und derselbe Calvin war es dann wieder, welcher Melanchthon nachdrücklich tadelte wegen seiner Nachgiebigkeit an die Römischen zur Zeit des Interims. Melanchthon mußte selbst bekennen hierin gefehlt zu haben. Das war aber keine Kleinigkeit. Es handelte sich in der That um Sein und Nichtsein des Protestantismus. Urtheilen wir über den Mann der Milde so mild als möglich. Er hat oft einen bewundernswürdigen Freimuth bewiesen, stets als ehrlicher Mann gehandelt und wurde, auch wo er schwach war, von einem edlen Streben nach Einheit und Versöhnung geleitet. Es ist so richtig als schön, was vor hundert Jahren Titius hier sagte: Erravit Philippus, sed ingenio non animo, facilitate ingenita non dolo, candore nimio non gratiae aucupio. Melanchthon hat in seinem Streben alle Gegensätze zu vermitteln geirrt, und zwar bisweilen in einem Grade, den man selbst jetzt nicht ohne eine gewisse Verletzung betrachten kann. Was soll man sagen, wenn Melanchthon zur Zeit der Augsburgischen Confession aller Wahrscheinlichkeit an den Cardinal Campegius schrieb: „Wir sind bereit, der römischen Kirche zu gehorchen, wenn sie nur nach der Güte, die sie immerfort gegen alle Völker bewiesen hat, einiges Wenige stillschweigend übergeht oder nachläßt, was wir, wenn wir auch wollten, doch nicht abändern könnten. Dazu verehren wir die Würde des römischen Papstes und die ganze Kirchenverfassung mit Hochachtung.“ Dergleichen konnte in der That unter allen Reformatoren nur Melanchthon begegnen. Diejenigen, welche jetzt den deutschen Protestantismus auf Melanchthon stellen wollen, vergessen, daß wenn er allein gewaltet hätte, es jetzt keinen deutschen Protestantismus gäbe. In seinen Unionsbestrebungen bedachte Melanchthon nicht, daß wenn die Reformation zu Gunsten unionistischer Ausgleichung der Gegensätze den Grundsatz verließ: Melius est ut scandalum fiat quam ut veritas relinquatur, sie über sich selbst das Todesurtheil aussprach. Nachdem in dem ungeheuren Kampfe der Reformation drei kirchliche Individualitäten sich herausgerungen hatten, die römische, lutherische, reformirte, forderten diese drei Seelen auch drei gesonderte Leiber. Glaubt Jemand im Ernst, daß wenn die deutsche Reformation sich begnügt hätte innerhalb des großen Organismus der römischen Kirche die Stelle einer geduldeten Richtung einzunehmen, sie noch bestände? Mächtiger als die Gedanken, sind die Realitä⸗