# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S342 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 342 Luther und Melanchthon. natürlich nicht ohne auch in ihre Gegensätze verstrickt zu werden, aber gehoben durch einen ungeheuern Erfolg, der in Kurzem seinen Namen zu einem der leuchtendsten Europa's machte. Da finden wir nichts von Luther's Kämpfen mit der Noth des täglichen Lebens, seinen Schrecken vor dem Weltrichter, dessen Bliße ihn mitten aus der Bahn eines kühn vordringenden Strebens in's Kloster schleudern, nichts von seinem verzweifelnden Ringen nach Gerechtigkeit und Frieden in Gott, nichts von jenen fürchterlichen Zweikämpfen mit dem Fürsten dieser Welt, nichts von den Versuchungen einer ungeheuern Thatkraft, von den polemischen Feuergüssen einer Natur, die das Zeug hatte, ihre Zeit aus den Fugen zu heben. Melanchthon war der Mann ruhiger Entwickelung, stillen Pflanzens und Bauens, gemüthvoller Milde, humanistischen Maßes, liebevoller Anknüpfung, leidenschaftsloser Erwägung, unverwüstlicher Vermittelung der Gegensätze. ..Seit Uebergabe der Augsburg'schen Confession bis zum Augsburg'schen Religionsfrieden (1530—1555) stand auf den vielen Religionsgesprächen die Möglichkeit einer Wiedervereinigung nicht nur offen, sondern zuweilen gar nicht fern. Was nun auf den vielen Verhandlungen die Vertreter der römischen Richtung betonten, die Nothwendigkeit eines einheitlichen Organismus der Kirche, die historische Kontinuität ihrer Entwickelung, die Bedeutung der kirchlichen Auctorität, das fand unter allen Protestanten bei Melanchthon am meisten Anerkennung. So fest und tief er in der Schrift wurzelte, so sah er doch Alles, was er aufstellte, mit öcumenischen Augen an und im Zusammenhange mit den Vätern zu bleiben, war immer seine Sorge. Zu den Lehränderungen, welche seine Glaubensgenossen ihm so sehr verdachten, bestimmte ihn ganz besonders der Wunsch, mit den Vätern in Einheit zu bleiben. Ist Melanchthon nach der Milde und Weite seiner Lehrweise, nach seiner Abweichung von dem lutherischen Bekenntnisse in der Lehre vom Abendmahle unter den Häuptern der deutschen Reformation den Reformirten am meisten entgegengekommen, so ist nichts unhaltbarer, als die tendenziöse Aufstellung, daß er der Obmann der reformirten Sache unter den deutschen Reformatoren sei, da characteristische Eigenheiten der reformirten Kirche, nämlich abstract durchgeführte Schriftauctorität, unhistorisches Verfahren, Betonung der Rechte der Gemeine gegenüber der episcopalen Aristokratie, rein geistiger Kultus im Widerspruche stehen mit dem geschichtlichen, conservativen, anknüpfenden Sinne, der eine characteristische Eigenthümlichkeit Melanchthons war. Und diese Anknüpfung der protestantischen Wahrheit an das, was immer, überall und von Allen ist bekannt worden, an das öcumenische Wesen des Christenthums, an das geschichtliche Leben der Kirche ist es, welche der Protestantismus, wenn er sich nicht zur Secte herabsetzen will, festhalten muß. Eine kirchliche Richtung, die in der Vergangenheit nichts zu suchen hat, hat auch in der Zukunft nichts zu suchen. ..Milde war Melanchthon's Cardinaltugend, humanistische, historische, kirchliche Vermittelung die Aufgabe, an welche ihn seine Eigenthümlichkeit wies. Aber es fehlte ihm das Charaktermetall Luthers, dessen heroisches