# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S341 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther und Melanchthon. 341 mosen Naturell dann und wann etwas verstimmt gewesen sein über die Antworten, die er empfing, und diesen Unmuth in Prädicate wie asinus u. s. w. entladen haben. In der späteren Zeit seines Lebens hielt er aus besonderer Rücksicht auf die Ungarn, die des Deutschen nicht mächtig waren, erbauliche Vorträge in lateinischer Sprache, die uns in seiner Postille vorliegen, in die er dann auch manche wissenschaftliche Bemerkungen und sonst interessante Mittheilungen aus dem Schatze seiner Lectüre und Erfahrung einfließen ließ. Mit einer Theilnahme und Aufopferung, die man nicht genug hervorheben kann, ging er auf die persönlichen und wissenschaftlichen Bedürfnisse seiner Zuhörer ein. Er und seine Gattin waren im Uebermaße freigebig und gastfrei und würden wahrscheinlich aus Verlegenheiten nie herausgekommen sein, wenn nicht ein treuer Hausgeselle etwas auf Ordnung gesehen hätte. Als ihm der Herzog von Preußen ein Geschenk machen wollte, sagte der von demselben zu Rathe gezogene Schwiegersohn Melanchthon's, Peucer, Geld solle er seinem Schwiegervater ja nicht geben, denn das verschenke er unfehlbar, sondern eher einen Becher oder dergleichen. Aber auch solche Gaben wußte das unerschöpflich gute Herz des edlen Mannes flüssig zu machen. Welche Unsumme von Briefen schrieb er im Dienste Anderer, wie oft Vorreden für angehende Schriftsteller, wie Vielen schenkte er wissenschaftliche Arbeiten oder brachte doch in vorgelegte Versuche Gestalt und Gehalt. Selbst auf die Vorlesungen mancher seiner Collegen übte er einen sehr starken Einfluß. Und dafür hatte er nicht immer Dank. Als Cordatus einst als Hospitant in Cruciger's Vorlesungen den ihm bedenklichen Satz, daß die guten Werke die causa sine qua non der Rechtfertigung seien, vernahm, fiel die Last dieses Satzes auf Melanchthon, den eigentlichen Verfasser der Vorlesungen, die Cruciger hielt. Raßeberger sagt: „Auf solche Philippi Gutmüthigkeit verließen sich viele Magistri, denen es sonst nicht so sauer ward, als wenn sie selbst hätten auf ihre lectiones studiren müssen. Denn es war Philippo keine Arbeit verdrießlich und dienete gern Jedermann.“ Welch eine ungeheure Propaganda der Reformation lag nur in der Thatsache, daß eine Lehrkraft von solchem Erfolg im Sinne des Evangeliums wirkte. Es war die große Macht der gelehrten Schule, die große Macht der humanistischen Geistesbildung, die große Macht wahrhaft theologischen Forschens nach Wahrheit, welche Melanchthon der Reformation zuführte. Und den Bund dieser Mächte muß der Protestantismus bewahren, wenn er seine große Sendung im Reiche Gottes auf Erden erfüllen will. ..Vergleicht man die Entwickelung Melanchthon's mit der Luther's, so macht sie durchweg den Eindruck des Ebenmäßigen, Kampf⸗ und Sprunglosen, Organischen. Der fromme Sohn frommer Eltern von angebornem Wissenstriebe wird durch Lehrer, wie man sie ihm nur wünschen konnte, besonders aber durch Reuchlin, durch Gottes wunderbare Fügung sein Verwandter, auf der Bahn humanistischer Bildung nach Wittenberg geführt, wo er, getragen von dem Geiste der Universität Wittenberg, geleitet von Luther, in die Kampf⸗ und Siegesbahn der Reformation mit seinen reichen Geistesmitteln eintritt,