# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S340 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 340 Luther und Melanchthon. sagen göttlichem, Wahrheitsgriffe. Während Melanchthon nur ein großes wissenschaftliches Talent war, war Luther einer der größten Geister, die über diese Erde gegangen sind, von der Fußsohle bis zum Scheitel Genius, durch und durch ursprünglich als Natur und durch und durch ursprünglich als Mann des Geistes Gottes. War Melanchthon ein gottbegabter Lehrer der humanistischen und theologischen Wissenschaften, so war Luther ein Prophet der Wahrheit, dessen Geistesfülle zu groß war, um in die Formen der Wissenschaft sich fassen zu lassen. Was man von den Heroen der deutschen Literatur Göthe, Herder, Schiller u. A. sagen muß, daß sie mehr waren wie wissenschaftlich und doch Lebensquellen für die Wissenschaft, das gilt in besonderem Sinne von Luther. War Melanchthon groß als Lehrer, als Persönlichkeit aber mehr edel, treu, wahrhaft evangelisch, so war Luther für die größte Sache die größte Persönlichkeit. Alles was Melanchthon zur Auslegung der Schrift geschrieben hat, wird allein durch Luther's Bibelübersetzung weit aufgewogen. Selbst an Luther's Auslegungen des ersten Buchs Mosis und des Briefes an die Galater reicht keiner der uns hinterlassenen Kommentare Melanchthon's, die überhaupt nicht so bedeutend sind, als man erwarten sollte. Steht Melanchthon als Lehrer einsam da im Reformationszeitalter, so ist ihm als Mann der theologischen Wissenschaft Calvin überlegen. Calvin ist der größte *) Exeget und der größte Dogmatiker des Reformationszeitalters. Aber auch Calvin steht als Persönlichkeit nur als ein Epigone da, in dem Verstand und Wille ersetzen mußten, was die Natur nicht leistete, neben Luther. Weder Melanchthon noch Calvin waren Männer des Volkes. Von dem volksthümlichen Herzen, der volksthümlichen Beredtsamkeit, der volksthümlichen Lebensweisheit, der volksthümlichen Poesie Luther's hatten Beide nichts. Melanchthon sprach am liebsten lateinisch, konnte nicht predigen, verstand nicht mit dem gemeinen Manne in seiner Sprache zu reden und ließ sich von den Lebensverhältnissen, die Luther immer beherrschte, oft mehr nehmen, als daß er sie zu nehmen wußte. Er war eben nicht der Meister des Lebens, sondern der Meister der Schule, als solcher aber auch der Meister Deutschlands. Es ist bekannt, daß von nah und fern Alles zu ihm strömte, oft 2000 Zuhörer zu seinen Füßen saßen, an seinem gastlichen Tische einmal in dreizehn Sprachen gesprochen ward und seine Schüler und Lehrbücher weit über die Grenzen der Reformation hinaus wirkten, und lange noch, nachdem das Grab seinen Mund geschlossen hatte. Mit solcher Liebe war Melanchthon Lehrer, daß er zu einer Zeit, wo Deutschland schon auf ihn hörte, eine Privatschule in seinem Hause errichtete, in welcher er die Elemente lehrte. Er pflegte auch vom Katheder herab sich mit Fragen an den Einzelnen zu wenden, und mag wohl, wie Raßeberger berichtet, nach seinem etwas ani⸗ *) Sollte wohl heißen, derjenige welcher den Anforderungen, die man jetzt an Exegese und Dogmatik macht, zu seiner Zeit am meisten entspricht. L. u. W.