# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S339 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther und Melanchthon. 339 Beweisen sind, die Rhetorik aber die Anweisung zweckmäßig und schön zu reden. Von diesem praktischen Gesichtspunkte aus sah er auch die Theologie an. Bekannt ist sein Wort: Ich bin mir bewußt nie aus einem anderen Grunde Theologie getrieben zu haben als um mein Leben zu bessern. Es war der mächtige Eindruck von Luther's Person und Sache, der ihn bewog der Theologie, zu deren Studium er schon in Tübingen einen guten Grund gelegt hatte, seine Kräfte zu widmen. Der Mann klassischer Studien war der Natur der Sache nach an die Auslegung der Schrift, besonders des Neuen Testamentes, gewiesen. Auslegung der Schrift aber war der Kraftpunkt der reformatorischen Theologie. Wir besitzen eine ziemliche Anzahl von Auslegungen biblischer Schriften von Melanchthon. Ein Schriftausleger, sagt Melanchthon, muß grammaticus, dialecticus und testis sein. Indeß tritt die philologische Seite in Melanchthon's Schriftauslegungen sehr zurück. Es kam ihm vor Allem auf den Zusammenhang und die Gedanken an. Aus einem Aufsatze, in welchem Melanchthon die Grundgedanken des Briefes an die Römer entwickelt hatte, entstanden 1521 seine Loci theologici, die erste Dogmatik des Protestantismus, die freilich vorwiegend den Charakter einer Konfession hat. Von der Ueberzeugung aus, daß der Brief an die Römer der Kanon im Kanon sei, entwickelt er die Lehre von der Rechtfertigung mit ihren Vorder⸗ und Folgesätzen als die Summe des Evangeliums. In diesem Buche trat zuerst die Lehre der Reformation im Zusammenhang auf. Kein Wunder, daß es einen ungeheuren Erfolg fand, von Luther aber fast für ein des Kanons würdiges Buch gehalten wurde. Der Mann, welcher die reformatorische Lehre zuerst im Zusammenhang entwickelt hatte, war mit seiner Ruhe, Milde, Objektivität, Gewissenhaftigkeit, Rundung des Ausdrucks der berufene Redaktor des Grundbekenntnisses des deutschen Protestantismus, der Augsburgischen Konfession und ihrer Apologie, der geeignetste Collocutor in den vielen Verhandlungen der Folgezeit, nach Luther's Tode die Hauptauktorität in den vielen Lehrstreitigkeiten. Luther besaß in seinen polemischen und theologischen Schriften nicht jenes Talent rein sachlicher Lehrdarlegung, jene vielseitige und umsichtige Erwägung, jene Akribie fast peinlicher Gewissenhaftigkeit, jenes leise Ohr für die Gedanken des Gegners, die wir bei Melanchthon bewundern. Kein Mensch fühlte seine Schranken besser, wie er. Aber die theologische Gedankenwelt Melanchthon's war doch in Luther's Seele entsprungen. Es ist eine tendenziöse Einlegung, wenn man von einem eigenthümlichen Lehrsystem Melanchthon's redet. Melanchthon hat den theologischen Gedankenkreis Luther's sich mit Selbständigkeit angeeignet und zu wissenschaftlichem Ausdrucke zu bringen gesucht. Aber die Modificationen, welche er in denselben brachte, sind nicht aus einem eigenthümlichen Principe erwachsen, sondern waren Resultate gewissenhafter Prüfung im Einzelnen. Ueberhaupt war Melanchthon kein systematischer Denker. Das war Luther auch nicht, aber ein Theologe von schöpferischem Geiste, speculativem Tiefsinn, wunderbarem, man möchte