# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S338 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 338 Luther und Melanchthon. rakter ertheilte. Hebt man aber dieß hervor, so vergesse man nicht, daß Luther mit dem Hebräischen für seine Zeit ungewöhnlich vertraut war. Was aber Luther der deutschen Sprache gewesen ist, mag uns J. Grimm sagen: „Luther's Sprache muß ihrer edlen, fast wunderbaren Reinheit, auch ihres gewaltigen Einflusses halber für Kern und Grundlage der neuhochdeutschen Sprachniedersetzung gehalten werden. Man darf das Neuhochdeutsche in der That als den protestantischen Dialekt bezeichnen, dessen freiheitathmende Natur längst schon ihnen unbewußt Dichter und Schriftsteller des katholischen Glaubens überwältigte. Unsere Sprache ist gesunken, aber was ihren Geist und Leib genährt, verjüngt und endlich Blüthen neuer Poesie getrieben hat, verdanken wir keinem mehr wie Luther.“ Dieß Verdienst Luther's ist so unleugbar, daß es demselben selbst den Weg in die Walhalla gebahnt hat. Wir haben gesehen, welch eine Vielseitigkeit der Studien Melanchthon in seiner Jugend entwickelte. Dieß war aber kein jugendlicher Dilettantismus, den der gereifte Mann abstreifte. Wenn Melanchthon auch einigen seiner Studien, wie der Jurisprudenz und Medizin, nicht weiter nachging, so blieb er der meisten doch mächtig, wandte der Astronomie, Physik und Geschichte selbstständige Kräfte zu, war aber für das Studium der Dialektik, Rhetorik, Ethik, überhaupt Philosophie, auf längere Zeit durch seine Lehrbücher die höchste Auktorität. Man würde sich indeß ein unrichtiges Bild von Melanchthon als Mann der Wissenschaft machen, wenn man in ihm einen abstrakten metaphysischen Theoretiker sähe. Was Melanchthon auf dem Gebiete der Philosophie geleistet hatte, kommt mehr nach den Motiven, als nach der Ausführung in Betracht. Melanchthon war weder eine speculative, noch eine mystische Natur. Er war mehr klar und wahr, als tief, und in seinen philosophischen Ausführungen mehr gelehrter und gewandter Ausleger gegebenen Stoffs, als selbständiger und produktiver Denker. Auch in Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Physik besteht das Verdienst Melanchthon's vorwiegend in der schulmäßigen Verarbeitung dieser Disciplinen. Die klassischen Studien waren Melanchthon das unumgängliche Mittel wahrer Geistesbildung und der Schlüssel zu aller Wissenschaft. Aber zu einer Gesammtanschauung des antiken Lebens und einer tiefern Erfassung seines Verhältnisses zum Christenthum hat er es nicht gebracht. Nicht Theoretiker war Melanchthon in der Wissenschaft, sondern Lehrer. Er besaß in der mündlichen und schriftlichen Darstellung Klarheit, Einfachheit, Folgerichtigkeit, Objektivität und Eindringlichkeit. Ihm kam es in Allem auf wahre Belehrung an. Darum sah er alle Wissenschaften die er lehrte von der praktischen Seite an. Die Grammatik ist ihm eine sichere Anweisung eine Sprache zu sprechen und zu schreiben, die Dialektik die Kunst und der Weg zu reden, deren Funktionen Definiren, Eintheilen,