# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S337 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther und Melanchthon. 337 man ohne rhetorische Uebertreibung sagen kann, daß ihres Gleichen in der Kirche nicht gewesen ist seit den Tagen der Apostel. Was der Nationalgeist seit Jahrhunderten gesucht hatte, es war Fleisch und Bein in diesem reinsten und größten Ausdruck des deutschen Volksgeistes; was die Mystik erstrebt hatte, es war zur Reife gelangt in diesem von Bernhard, Tauler, der deutschen Theologie genährten, durch den Mystiker Staupitz aus dem Kloster auf den Schauplatz der Welt übergeleiteten Manne tief innerlichen, anschauenden, im Glauben mit Gott geheimnißvoll geeinten Geistes, aus dessen Leibe Ströme lebendigen Wassers quollen; was endlich der Protest, der seit Jahrhunderten vom theologischen Katheder ausgegangen war, gewollt hatte, fand seinen Mann in dem Professor der Universität Wittenberg, den Augustinus aus dem Augustinerkloster auf den Lehrstuhl begleitete und dessen Anfänge zu weltgeschichtlicher Wirksamkeit die Thesen einer Disputation waren. Aber alle diese Lebenselemente: Nationalgeist, Mystik, theologische Wissenschaft, die in ihm zusammengefaßt waren, hatten ihren beherrschenden Mittelpunkt in seinem evangelischen Glauben. Melanchthon dagegen hatte sich vom Humanismus aus dem reformatorischen Glauben genähert, und hat die humanistische Grundlage seiner Stellung zur Reformation nie verleugnet. Luther war und blieb der Mann des Lebens, während Melanchthon der Mann der Schule war und blieb. Während Luther, eine durch und durch ritterliche Natur, nach glaubwürdigen Nachweisen aus einem ritterlichen Geschlechte Thüringens, in den Kämpfen, die er hervorgerufen hatte, seine Heldennatur entwickelte, waren für Melanchthon's stille Gelehrtennatur die Kämpfe, in die er verschlungen ward, nur Störungen und Opfer, aus denen er gern in die schönen Pflanzungen seiner Schule zurückkehrte. Wie viel Seufzer hierüber enthalten seine Briefe. Im Jahre 1541 schrieb er an Karl V.: Sum scholasticus, et alienus ab omnibus aulicis negotiis et colo scholasticas amicitias. Und wenn dann die Kämpfe der Reformation ihn gar nicht zur gelehrten Stille kommen ließen, da erschien ihm das jenseitige Leben wie eine heilige Akademie für das süße Streben nach Wahrheit (spero me brevi venturum in coelestem academiam, in qua dulcia erunt studia veritatis), wie ein hehres Collegium (ex hac mortali vita ad collegium in coelo candidius brevi accedam). Betrachten wir das Verhältniß Luther's und Melanchthon's zur Wissenschaft näher, so ist das bekannte Urtheil, daß Melanchthon gelehrter war, als Luther, im Allgemeinen richtig. Es bedarf aber dieß Urtheil der Beschränkungen und Erläuterungen. Die klassische Bildung Luther's, an sich nicht unerheblich, kann nicht in Betracht kommen neben der Meisterschaft Melanchthon's, der bewundernswürdig in den Schriften der griechischen und römischen Vorwelt, selbst in den entlegensten, eingelesen war, in das Studium der Grammatik epochemachend eingriff durch seine Lehrbücher der griechischen und lateinischen Grammatik, so durchsichtig, fließend und elegant Latein schrieb, die tüchtigsten und nachhaltigst wirkenden Schulmänner, wie Sturm und Troßendorf, heranzog und überhaupt der protestantischen Gelehrtenwelt auf Jahrhunderte ihren Cha⸗ 22