# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1860_S336 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 336 Luther und Melanchthon. den großen Reformator knüpften. Nicht ungetrübt ist dieß Freundschaftsverhältniß geblieben. Es war in der Ordnung, daß die durch die erste Begeisterung für Luther aus ihren Fugen gehobene Eigenthümlichkeit Melanchthon's allmälig ihr Recht wiederforderte. Melanchthon erkannte, daß er bei aller Unterordnung unter Luther, als die Persönlichkeit der Reformation vorzugsweise, doch eine eigenthümliche Aufgabe zu lösen habe. Er fand gegenüber dem polemischen Ungestüm, mit welchem Luther den Gegner zu Boden warf, seine Milde berechtigt, gegenüber dem durchgreifenden Eifer Eifer Luthers den Standpunkt der Vermittelung, gegenüber dem in der zweiten Hälfte der reformatorischen Bahn Luther's immer entschiedener hervortretenden Streben desselben den reformatorischen Lehren feste Gestalt und kirchliche Auktorität zu geben die Freiheit, Weite, Entwickelungsfähigkeit des protestantischen Principes. Wie sich nun Menschliches einmal entwickelt, mochte solche Reaktion nicht ohne Widerspruch und Reibung erfolgen, wobei denn auch Parteileute nach beiden Seiten das Ihrige thaten. Indeß kam es nie zum Bruche. Nicht zu leugnen ist, daß sich Melanchthon durch zwar seine, aber auch reizbare Natur zu Urtheilen und Ergüssen an die Männer seines Vertrauens verleiten ließ, die man nicht ohne Schmerz und Bedauern lesen kann. Aber auch dann, wenn Melanchthon sich so gehen ließ, sieht man, daß er aus dem Kreise nicht heraus kann, in den ihn die Macht der Persönlichkeit Luthers wie gebannt hatte. Er vergleicht den zürnenden Luther den Heroen des Alterthums, einem Achilles, Philoktet und Marius. Als er nach Luthers Tode jenen in jeder Beziehung beklagenswerthen Brief an Carlowitz schrieb, in dem er diesem gewandten Staatsmanne des Churfürsten Moritz bekannte: Tuli antea servitutem paene deformem, cum saepe Lutherus magis suae naturae, in qua φιλονειχία erat non exigua quam vel personae suae vel utilitati communi serviret, suchte er dieses Urtheil in einem Schreiben an Maltzan durch die Erklärung zu vertheidigen, daß φιλονειχία d. h. Kampflust eine Eigenschaft aller heroischen Naturen sei, zu denen Luther gehöre. Alle diese Wolken haben das Firmament der Freundschaft, welche Luther und Melanchthon verband, nicht erschüttern können. Dieses Zusammenwirken von zwei so reichen Kräften ist für die Sache der Reformation entscheidend geworden. Jene beiden auf die Reformation vorbereitenden Wege, der evangelische und der — so möchte ich ihn nennen — Weg des weltgeschichtlichen Fortschritts, traten in Luther und Melanchthon in Konjunktur. Wie die Waldenser, Wikleffe, Huß, Savonarola u. A. ging Luther von dem evangelischen Glauben aus, der nach schweren Kämpfen seiner Seele Mittelpunkt geworden war, noch ehe er an einen Protest gegen die mittelalterliche Kirche dachte, bis durch den Widerspruch seiner Gegner, zur Opposition getrieben er zu Worms vor Kaiser und Reich erklärte, keine andere Auktorität anzuerkennen als die Schrift. Was aber dem Worte Luthers den Erfolg gab, den seine Vorläufer nicht fanden, war die Klarheit seiner Stellung auf dem Worte Gottes, der vorbereitete Boden seiner Zeit, die Macht und Kraft einer außerordentlichen Persönlichkeit, von der