# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 16_S44 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) horſam, nemlich Chriſti Leben, Leiden und Ster⸗ ben, das iſt der ewige goldene Grund des Glau⸗ bens und der Hoffnung, darauf unſere Kirche alle Sünder bauen lehrt. Zwei Vorwürfe ſind es daher, die man unſerer Kirche von jeher bis auf den heutigen Tag ge⸗ macht hat. Man wirft ihr nemlich vor, daß ſie zu ſtreng, zu ängſtlich und zu ſteif an dem Buch⸗ ſtaben feſthalte, und daß ſie von nichts zu lehren wiſſe, als vom Glauben an Chriſtum. Wie könn⸗ ten aber unſere Gegner unſere Kirche höher loben, als mit ſolchen Vorwürfen! Damit geben die Feinde ſelbſt, als unpartheiiſche Zeugen, un⸗ ſerer Kirche, ohne es zu wollen, das herrlichſte Zeugniß und drücken das Siegel darauf, daß ſie Chriſti wahre Kirche ſei; denn eben das ſind ja die Kennzeichen, daran ſie erkannt wird, daß ſie von den göttlichen Urkunden ihrer Gründung nicht weicht, und von nichts weiß und wiſſen will, als von Chriſto dem Gekreuzigten. So iſt es denn unleugbar, die evangeliſch⸗ lutheriſche Kirche iſt die wahre Kirche Chriſti auf Erden; denn auch ſie hat ſich das Lob bewahrt, welches Chriſtus ſeiner treu gebliebenen Kirche zu Philadelphia in unſerm Terte gibt: „Du haſt mein Wort behalten, und haſt mei⸗ nen Namen nicht verleugnet.“ Sie iſt nicht eine neue Kirche, die erſt vor 300 Jahren von Luthern geſtiftet worden wäre; nein, das ſei ferne! — ſie iſt die wiedererſtandene alte apoſto⸗ liſche Kirche, die Luther mit dem Spaten des Wortes wie eine verſchüttet geweſene Stadt nur wieder ausgegraben hat. Was thun alſo die⸗ jenigen, welche von der evangeliſch-lutheriſchen Kirche abfallen? Sie werden erſtlich meineidig, denn ſie brechen ihren Schwur, den ſie bei ihrer Taufe und bei ihrer Confirmation der wahren Kirche geſchworen haben. Sie ſondern ſich äußer⸗ lich ab, nicht von einer durch Menſchen geſtifteten Parthei, ſondern von dem Häuflein der Recht⸗ gläubigen, von jener kleinen Heerde, welcher Chri⸗ ſtus die Verheißung gegeben hat, daß es des Va⸗ ters Wille ſei, ihr das Reich zu beſcheiden, und von der Gemeinſchaft derer, welchen Chriſtus ver⸗ ſprochen hat, daß er bei ihnen ſein wolle bis an das Ende der Tage. Sie ſondern ſich ab von der Wahrheit und ihren Bekennern, ja ſie ſondern ſich ab von Chriſti Leib, und ſomit von Chriſto ſelbſt, dem unſichtbaren Oberhaupte ſeiner hei⸗ ligen Kirche.“) *) Dies wird wohl manchem zu viel geſagt zu ſein ſchei⸗ nen. Mancher wird vielleicht hierbei denken, daß hiermit allen, die ſich nicht äußerlich in der lutheriſchen Kirche be⸗ finden, ohne Ausnahme Gnade und Seligkeit abgeſprochen werde. Dies iſt aber keinesweges der Fall. Man über⸗ lege nur die Sache recht. Mit dem Obengeſagten wird durchaus nicht geleugnet, daß auch in den Secten Chriſtus Glieder ſeiner Kirche hat, da auch die Secten Gottes Wort weſentlich noch unter ſich haben, wodurch noch manche Seele, trotz aller in denſelben im Schwange gehenden Irr⸗ thümer, zum rechtfertigenden Glauben kommt. Weil aber die Secten nicht darum Secten ſind, daß ſie Gottes Wort noch weſentlich haben und noch manche wichtige Artikel des chriſtlichen Glaubens lehren, ſondern weil ſie gewiſſe wich⸗ tige Artikel verworfen, Irrthümer angenommen und feſt- geſtellt und ſich von den Rechtgläubigen geſondert haben: ſo ſondert ſich auch ein jeder Lutheraner inſofern von der Wahrheit und von Chriſto ab, als er die rechtgläubige 4⁴ 2. Doch dies führt mich nun auf den zweiten Theil unſerer Betrachtung, daß wir uns nemlich auch darum nichts bewegen laſſen ſollen, von unſerer ev.⸗lutheriſchen Kirche abzufallen, weil das treue Ausharren bei dieſer Kirche unausſprechlichen Segen, aber der Abfall von derſelben unaus⸗ bleiblichen Fluch bringt. Es iſt, meine Lieben, allerdings nicht zu leug⸗ nen, daß es unter denen, welche hier die ev.⸗luth. Kirche verlaſſen und ſich zu den Secten wenden, gewiß manche gibt, die dies gerade darum thun, weil ſie damit für das Heil ihrer Seele beſſer zu ſorgen denken. Dies kommt nemlich daher: in unſerem deutſchen Vaterlande gibt es nur zu viele ſogenannte lutheriſche Prediger, die ſelbſt nicht an das Wort Gottes und an die lutheriſche Lehre glauben, die daher anſtatt des Wortes Gottes nur Menſchenwort, anſtatt der lutheriſchen Lehre nur eine heidniſche Moral oder Tugendlehre predigen; die ihren Zuhörern nicht den Weg zur Seligkeit zeigen; die kein Wort ſagen von wahrer Buße, nichts davon, was der wahre ſeligmachende Glaube an Chriſtum ſei und wie es ein Menſch anfangen müſſe, wenn er zu dieſem Glauben kom⸗ men, vor Gott gerecht und ſelig werden wolle. Anſtatt des Brodes des Lebens bieten ſie ihnen Steine dar. Ach, es iſt nur zu offenbar, daß nicht wenige Prediger in unſerer deutſchen Hei⸗ math elende Miethlinge ſind, die nur um des Brodes, nur um des Bauches willen das heilige Amt führen, die daher ſelbſt nicht den ſchmalen Weg gehen, ſondern es mit der Welt halten, ihre Luſtbarkeiten mitmachen und den breiten Weg der Hölle vorangehen, und ſo durch ihren ungeiſt⸗ lichen Wandel ihre armen Zuhörer gräulich är⸗ gern und verführen. So iſt es denn unter den Deutſchen dahin gekommen, daß Unzählige ſich Lutheraner nennen, die die lutheriſche Kirche und ihre Lehre nicht kennen, die die Mördergrube, in welche die ungläubigen Prediger unſere Kirche verwandelt haben, für die lutheriſche Kirche, und die die ſaft⸗ und kraftloſe Tugendlehre, die ſie von Jugend auf gehört haben, für die lutheriſche Lehre halten. Kommen nun ſolche verwahrloste, un⸗ erfahrne und unwiſſende Lutheraner nach Ame⸗ rika, und ſehen ſie hier den Eifer der Sectenpre⸗ diger, ſehen ſie, wie da für Buße, für Bekehrung, für Herzensänderung, für Wiedergeburt geeifert wird, wie man da betet und ſingt, wie man da kämpft und ſich abmüht, und dergleichen, dann meinen ſolche Unerfahrne, jetzt haben ſie erſt die rechten Diener Chriſti kennen gelernt, jetzt ſehen ſie, was wahres Chriſtenthum ſei, jetzt ſei ihnen erſt die wahre Kirche offenbar geworden. So verlaſſen ſie denn ihre lutheriſche Kirche und ſchließen ſich, um für ihre Seelen beſſer zu ſorgen, einer falſchgläubigen Gemeinſchaft an. Solche Unerfahrne verlaſſen ihre rechtgläubige lutheriſche Kirche verläßt und ſich öffentlich zu einer ſolchen Secte ſchlägt. Ob ein ſolcher Abfälliger in ſein em Her⸗ zen bei Chriſto und ſeiner Wahrheit bleibt, und aus Ein⸗ falt oder Schwachheit, weil er den Unterſchied nicht durch⸗ ſchaute, ſich nur äußerlich in die Secte verlocken ließ, wie einſt manche in den Rebellenhaufen Abſaloms (2 Sam. 15, 11.), das weiß Gott. Mutterkirche, weil ſie ſie nie kennen gelernt haben. Finden ſie aber, was ſie ſuchen? Ach, nein! Zwar haben auch die Secten noch manche gött⸗ liche Wahrheit, denn aus dem Brunnen der Re⸗ formation iſt die ganze Welt wieder mit Waſſer des Lebens bewäſſert worden, aber es iſt getrübt worden durch Menſchenlehre und menſchliches Treiben. Die Seelen, welche in den Geiſt der Secten recht eingeweiht werden, werden vom Vertrauen auf das Wort und die heiligen Sacra⸗ mente abgeführt, zu einem falſchen Vertrauen auf das eigne Thun, auf Buße, Reue, Zerknirſchung, Heiligung verführt und gelehrt, die ſchwankenden Gefühle und Empfindungen des betrüglichen Herzens an die Stelle der von Gott verordneten Gnadenmittel zu ſetzen. Nun iſt es zwar wahr: leiblich in der äußer⸗ lichen Gemeinſchaft der rechtgläubigen Kirche ſein, macht noch keinen Menſchen ſelig, ja Chriſtus ſagt, daß einſt viele kommen werden vom Mor⸗ gen und vom Abend, die mit Abraham, Iſaak und Jakob im Himmelreich zu Tiſche ſitzen werden, daß aber geraͤde die Kinder des Reiches, d. h. viel äußere Glieder der wahren Kirche, werden hinausgeſtoßen werden, in die äußerſte Finſter⸗ niß hinaus; denn wer des HErrn Willen weiß, und hat ſich nicht bereitet, der wird doppelte Streiche leiden. Aber wer ſich nicht nur äußer⸗ lich zur rechtgläubigen Kirche hält, ſondern auch ihre reine evangeliſche Lehre in wahrem Glauben annimmt und bei ihr treulich verharrt, der hat davon ſchon hier einen unausſprechlichen Segen. Der hat eine göttliche Gewißheit ſeiner Seligkeit und in allen Trübſalen und Anfechtungen reichen Troſt. Mag ſein Herz ihn verdammen, er hält ſich an das Wort. Mögen noch ſo viele falſche Propheten aufſtehen und viele verführen, er läßt ſich nicht wägen und wiegen von jeglichem Winde der Lehre. Ihm gilt die Verheißung Chriſti in unſerem Texte: „Dieweil du haſt behalten das Wort meiner Geduld, ſo will ich auch dich behalten vor der Stun de der Verſuchung, die kommen wird über der ganzen Welt Kreis, zu verſuchen, die da wohnen auf Erden.“ So oft alſo große Verſuchungen über die ganze Chriſten⸗ heit kommen, da werden Unzählige fallen und ver⸗ loren gehen, aber der nicht, der da behalten hat das Wort der Geduld Chriſti; dieſer trägt die rechte ſiegreiche Wehr und Waffe, das Wort. Das iſt der Fels, auf dem er feſtſteht; das iſt der Anker, den er umfaßt und der ihm nimmer zer⸗ bricht, ſelbſt wenn der Tod wie die unergründ⸗ liche Meerestiefe ſich vor ihm öffnet. Ja, mit dem Wort überwindet er Sünde, Welt, Zweifel, Angſt, Schrecken der Hölle, Noth und Tod. Blicket hin auf die Zeit der Reformation: was machte Luthern und alle, die ſein Zeugniß an⸗ nahmen, ſo freudig, ſo gewiß, ſo ſelig, daß ſie keine Schmach und Verfolgung, daß ſie die Dro⸗ hungen und Feindſchaft der ganzen Welt und ihrer Gewaltigen, ja den Tod nicht achteten? Es war das Wort; das war ihres Herzens Freude und Troſt. Doch, meine Lieben, es gibt auch ſolche, die dar⸗ um unſere Kirche verlaſſen, weil ſie fürchten, durch das ſtrenge Feſthalten am Worte Gottes das Ge⸗