# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1860_S314 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 314 Gegenwärtiger Stand der lutherischen Kirche in Norwegen. mit verbindender Kraft ist, so ist sie doch eine grundlutherische Kirche. Sie wird aber von verschiedenen und entgegengesetzten Seiten nicht wenig bedroht, so daß sie der fleißigen Fürbitte aller treuen Lutheraner bedarf. In der Re⸗ formationszeit wurde dem am Papismus hangenden Volke das Evangelium von den dänischen Königen aufgezwungen und es dauerte daher sehr lange, ehe es einigermaßen in die Herzen eindringen konnte. Das ganze sechszehnte und siebenzehnte Jahrhundert macht daher in der norwegischen Kirche den Eindruck einer Wüste —, aber von der ersten Hälfte des vorigen Jahrhun⸗ derts an regte sich doch einiges Leben in Volk und Geistlichkeit, wovon Egede und Thomas von Westen Zeugniß ablegen. In dieser Zeit wirkte in Norwegen der Bischof von Bergen, Erich Pontoppidan, der als der norwegische Kirchenvater angesehen werden kann. Seine Erklärungen des lutherischen Katechismus haben den tiefsten Eindruck auf das Volk gemacht und können als dessen symbolisches Buch bezeichnet werden. Da aber Pon⸗ toppidan ein, wenn auch sehr gemäßigter Pietist war, so ist dadurch ein pieti⸗ stisches Element in das Volk gekommen, ein Element, das durch das Wirken des bekannten Laienpredigers Hauge bedeutend verstärkt ward. Hauge war im Anfange dieses Jahrhunderts in der Zeit des rationalistischen Unglau⸗ bens, der auch die norwegische Kirche nicht verschont hatte, eine mächtige Weckstimme. Noch jetzt macht sich das pietistische sehr geltend, der norwegische Volkscharacter hat eine gewisse Vorliebe dafür, und die localen Verhältnisse begünstigen diese Richtung. Die Gemeinden sind oft sehr groß und bei der dünnen Bevölkerung über einen weiten Raum zerstreut. In diesem Ge⸗ birgs⸗ und Küstenlande kann mancher Pastor zu Zeiten nur sehr schwer zu einzelnen Theilen seiner Gemeinde gelangen. Daher ist die Predigt und noch mehr die Seelsorge der Pastoren oft sehr unzulänglich, besonders wenn letztere selbst mehr oder weniger lau sind. Eigentliche Rationalisten gibts hier nicht mehr (wollte Gott, dies könnte auch von Baden, Bayern, Sachsen u. s. w. gelten). Das Gesetz legt der Laienpredigt nichts in den Weg, das Volksleben trägt mehr oder weniger pietistisches an sich, woraus hervorgeht, daß von dieser Seite lutherisches Leben und Lehre nicht wenig gefährdet sind. Verdunklung der Rechtfertigungslehre, Abschwächung der Sacramente, be⸗ sonders der Taufe, und Geringschätzung des Predigtamtes sind Fehler des Pietismus. Die Gefahr — und es kann leider bei manchem nicht nur von Gefahr die Rede sein — und das Verderben ist um so größer, als auch von außen die Verführung reformirter Secten, wie der Methodisten, hinzukömmt. Diese Verführung ist deshalb so sehr gefährlich, weil bei der weiten Ausdeh⸗ nung der Religionsfreiheit in Norwegen aller Secten, die Mormonen aus⸗ genommen, sowie der römischen Kirche gestattet ist, in den lutherischen Ge⸗ meinden nach Herzenslust zu wühlen. Mit Eifern und Abstoßen ist hier nichts gethan. Was nöthig ist, ist zu belehren, zu leiten, zu tragen, frei und stand⸗ haft zu bekennen und für die Wahrheit zu leiden. Mehrere eifrigere, leben⸗ digere Pastoren, Ausbreitung gesunder lutherischer Schriften, vor allem der Schriften Luthers selbst, Verdrängung ungesunder Nahrung, Ingebrauch⸗