# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 16_S43 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) r—rs“ TTTTTTTT oir So kommt denn hier alles auf die Beantwor⸗ tung der Frage an: Iſt die lutheriſche Kirche wirklich die wahre Kirche IEſu Chriſti auf Er⸗ den? Um aber dies zu entſcheiden, ſo iſt nun die erſte Frage: Woran erkennt man die wahre Kirche? — Erkennete man ſie an dem äußeren Glanze ihrer Erſcheinung, an der Menge ihrer Glieder, an der Weite ihrer Ausbreitung, an der Pracht ihrer Tempel, an ihren zeitlichen Reichthümern, an ihrer irdiſchen Macht, an ihrer wohlgeordneten Regierung: dann müßten wir die römiſche Kirche, von welcher Luther, weil er von der Wahrheit zeugte, einſt ausgeſtoßen worden iſt, für Chriſti wahre Kirche halten. Aber nein — Chriſtus ſagt deutlich: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden; mein Reich iſt nicht von dieſer Welt.“ An zeitlichen Vorzügen kann alſo Chriſti Kirche, die ein Creuzreich iſt, nicht erkannt werden. — Oder erkennt man ſie etwa an dem Schein großer menſchlicher Heiligkeit, den ſie um ſich verbreitet, oder an der Menge und Größe der guten Werke, die ſie zur Schau trägt, oder an ihrem vielen Beten und HErr⸗HErr!⸗Sagen an den Ecken auf den Gaſſen? Dann müßten wir faſt jede der ſogenannten proteſtantiſchen Secten für Chriſti wahre Kirche halten. Ja wir müßten die Secte der Phariſäer der Kirche der Apoſtel vorziehen, denn die Phariſäer faſteten und beteten mehr, als die Apoſtel, und hatten einen heiligeren Schein. Aber nein — Chriſtus ſagt ferner deut⸗ lich, daß er die HErr⸗HErr⸗Sager, und wenn ſie auch in ſeinem Namen geweiſſagt, in ſeinem Na⸗ men Teufel ausgetrieben und große Thaten ge⸗ than haben, einſt als ſolche von ſich weiſen werde, die er noch nie für die Seinigen erkannt habe. Auch an dem Glanz der Gottſeligkeit und an der Menge und Größe anſcheinend guter Werke kann alſo Chriſti wahre Kirche nicht erkannt werden; vor Menſchenaugen kann auch die falſche Kirche dieſe Kennzeichen haben. Woran die wahre erkannt werde, dies ſagt uns Chriſtus deutlich in unſerem Texte; er ſpricht nemlich zu der Kirche zu Philadelphia: „Du haſt eine kleine Kraft, und haſt mein Wort behalten, und haſt meinen Na⸗ men nicht verleugnet.“ Hieraus ſehen wir, was das Aeußere betrifft, ſo hat Chriſti Kirche „einekleine Kraft“, d. h. ſie iſt vor der Welt ohnmächtig und unanſehnlich; aber erſtlich, ſie behält Chriſti Wort, und zweitens, ſie be— kennt Chriſti Namen. Das, das ſind alſo ihre rechten Kennzeichen. Wenn einer Kirche dieſe Kennzeichen fehlen, wenn eine Kirche Chriſti Wortenicht behält und ſeinen Namen verleug⸗ net, dann iſt ſie Chriſti wahre Kirche nicht, und wenn ſie äußerlich noch ſo herrlich leuchtete, oder alle ihre Glieder in Heiligkeit der Engel und Erz⸗ engel prangten. Dies bezeugt Chriſtus auch an anderen Orten; er ſpricht: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, ſo ſeid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Ferner gibt dies auch Paulus als die rechten Kenn⸗ zeichen der wahren Kirche an, wenn er an die Epheſer ſchreibt: „So ſeid ihr nun nicht mehr 43 Gäſte und Fremdlinge, ſondern Bürger mit den Heiligen, und Gottes Hausgenoſſen, erbauet auf den Grund der Apoſtel und Pro- pheten, da IEſus Chriſtus der Eckſtein iſt, auf welchem der ganze Bau in einander ge⸗ füget, wächſet zu einem heiligen Tempel in dem HErrn, auf welchem auch ihr mit erbauet werdet, zu einer Behauſung Gottes im Geiſt.“ Prüfen wir nun hiernach unſere ev.⸗lutheriſche Kirche, ſo müſſen wir ſagen, dieſe Kennzeichen trägt ſie ſo hell und kenntlich an ſich, wie die Sonne das Licht. Ja, mag unſere Kirche jetzt in der Welt noch ſo verachtet daſtehen; mag es jetzt ſcheinen, als ſei jede andere Kirche des HErren Braut, ſie aber eine von dem HErrn verlaſſene und verſtoßene Wittwe; mag es Unzählige be⸗ dünken, als mangelten ihr die wichtigſten Kenn⸗ zeichen der wahren Kirche alle: daß ſie dieſe Kennzeichen hat, welche Chriſtus und Paulus hier angeben, das kann nur der leugnen, der ſie nicht kennt. Sie iſt wahrhaftig erbauet auf den Grund der Apoſtel und Propheten, d. h. auf Got⸗ tes Wort und nicht auf den Grund der Menſchen⸗ lehre; ſie legt wahrhaftig nur ſeine Gerechtigkeit zum Eckſtein des Heils, und nicht Menſchenthun und Menſchenwerke; ſie bleibt wahrhaftig bei der Rede IEſu Chriſti, und weicht nicht davon ab, weder zur Rechten noch zur Linken. Ja, muß man jetzt auch unſerer Kirche, ihre äußere Geſtalt betrachtend, mit dem Propheten zurufen: „Du Elende, über die alle Wetter gehen und Du Troſt⸗ loſe!“ ſo kann doch Chriſtus auch zu ihr, wie zu der Gemeinde zu Philadelphia in unſerem Texte, ſagen: „Du haſt eine kleine Kraft, und haſt mein Wort behalten, und haſt meinen Namen nicht verleugnet.“ Sagt ſelbſt, warum trennte ſich vor 300 Jahren unſer großer Vorkämpfer, Luther, von der römiſch-katholiſchen Kirche? Lag der Grund in Bedenken ſeiner Vernunft? Nein; Luthern war es nie in den Sinn gekommen, die Kirche reformiren und ſich wider Pabſt und Kai⸗ ſer und alle Welt auflehnen zu wollen; aber weil er von der heiligen Schrift nicht weichen wollte noch konnte, darum ließ er ſich hineinziehen in den großen Kampf. Wie ſprach er, um nur Ein Bei⸗ ſpiel anzuführen, als er in Worms vor Kaiſer und Reich ſtand und zum Widerruf genöthiget werden ſollte? Er ſprach unter anderem: „Es ſei denn, daß ich mit Zeugniſſen heiliger Schrift, oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Urſachen überwunden und überwieſen werde, und ich alſo mit den Sprüchen, ſo von mir angezogen und angeführt ſind, überzeugt und mein Gewiſſen in Gottes Wort gefangen iſt, ſo kann und will ich nichts widerrufen. Hie ſteh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Und warum hat Luther einſt auch keine brüder⸗ liche und kirchliche Gemeinſchaft mit Zwingli, dem Stifter der reformirten Kirche, eingehen wol⸗ len? Lag etwa hier der Grund in Bedenken der Vernunft? Nein, nichts weniger; auch hier war der einige Grund: er konnte das Wort ſeines Heilandes, das ſein einziger Troſt im Leben und Sterben war, ſich nicht zur Lüge machen und ſich davon abführen laſſen. Ueber das Wort des wahrhaftigen und allmächtigen Sohnes Gottes: „das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, konnte Luther nicht hinweg. Er ſchreibt daher: „Ich, habe wohl ſo harte Anfechtung (darüber) erlitten, und mich gerungen und gewunden, daß ich gerne heraus geweſen wäre. Aber ich bin gefan⸗ gen, kann nicht heraus; der Text iſt zu gewaltig da, und will ſich mit Worten nicht laſſen aus dem Sinn reißen.“ An einer andern Stelle ſchreibt Luther: „Mir iſt alſo, daß mir ein jeglicher Spruch die Welt zu enge macht.“ ö Sehet, ſo war Luther geſinnt, und das iſt da⸗ her auch der Sinn der Kirche, die nach ſeinem Namen jetzt die lutheriſche heißt, nicht darum, weil Luther ihr Pabſt wäre, dem ſie unbedingt folgte, nicht darum, weil ſie an Luthern glaubte, ſondern weil ſie mit Luthern an Chriſti Wort glaubt. Der Grundſatz, daß von dem Buch⸗ ſtaben oder von den Worten der Schrift nicht ab⸗ gewichen werden dürfe, hat die lutherische Kirche einſt aufgebaut, damit ſteht und fällt ſie; dieſer Grundſatz ſteht an der Spitze ihrer Bekenntniſſe; dieſer Grundſatz iſt ihr Leitſtern in allen ihren Kämpfen; nach dieſem Grundſatz geht ſie in allen Stücken; dieſer Grundſatz iſt mit einem Worte ihr Herz und ihr Leben; ſo daß man auf die Frage: Was iſt ein Lutheraner? nicht beſſer kurz 1W0 worten kann, als: Ein Lutheraner iſt ein Chriſt, der ſich ſtreng an den Buchſtaben der Schrift hält. Das iſt das Merkmal, durch welches er ſich von allen andern Chriſten unterſcheidet. So unleugbar es nun iſt, daß unſere Kirche Chriſti Wort behalten hat, eben ſo unleugbar iſt es aber auch, daß ſie Chriſti Namen nicht ver⸗ leugnet hat. Daß erſtlich auch Luther Chriſti Namen treulich bekannt habe, dies weiß jeder, der nur einige Seiten ſeiner Schriften geleſen hat. Die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glau⸗ ben an Chriſtum iſt ohne Zweifel von keinem Leh⸗ rer ſo deutlich und ſo klar, ſo tröſtlich und ſo lieb⸗ lich, ſo gewaltig und herrlich ſeit der Apoſtel Zeit ausgelegt worden, als von Luthern. Er ſpricht: „In meinem Herzen herrſcht allein und ſoll auch herrſchen dieſer einige Artikel, nemlich der Glaube an meinen lieben HErrn Chriſtum, welcher aller meiner geiſtlichen und göttlichen Gedanken, ſo ich immerdar Tag und Nacht haben mag, der einige Anfang, Mittel und Ende iſt.“ Und auch hierin iſt unſere evangeliſch-lutheriſche Kirche Lu⸗ thern als ihrem Lehrer gefolgt. Daß der Menſch gerecht werde allein durch den Glauben an Chri⸗ ſtum, ohne des Geſetzes Werk, das hat ſie von An⸗ fang an ſo reich und ſo kräftig gepredigt, wie keiner ihrer Gegner. Der Kern und Stern der Luthe⸗ riſchen Lehre iſt: „Es iſt in keinem andern Heil, iſt auch kein anderer Name den Menſchen gegeben, darinnen wir ſollen ſelig werden“, als allein der theure Name IEſu. Chriſtus und nur Chriſtus iſt es, auf welchen in unſerer Kirche alle Sünder ohne Umwege hingewieſen werden. Nicht des Menſchen Werke, nicht ſeine Buße und Reue, nicht ſeine Beſſerung und Heiligung, nicht ſein Leiden und Genugthun, ſondern allein Chriſti Gnade, Chriſti Verdienſt, Chriſti Unſchuld und Gerechtigkeit, Chriſti thuender und leidender Ge⸗