# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 16_S42 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wurden die˖ Chriſten inſonderheit von den noch heidniſchen römiſchen Kaiſern auf das grauſamſte und blutigſte verfolgt. Aber keine Marter noch Qual, die man ſich ſchrecklicher nicht ausſinnen konnte, war vermögend, die Chriſten zum Abfall von dem reinen Evangelio zu bewegen. Viele Hunderttauſende ſtarben in den drei erſten Jahr⸗ hunderten den qualvollſten Märtyrertod mit Freu⸗ den und Frohlocken. Doch was geſchah? Im vierten Jahrhundert nach Chriſti Geburt bekehrte ſich endlich auch ein mächtiger römiſcher Kaiſer, deſſen Reich beinahe die ganze Welt umfaßte, zum chriſtlichen Glauben, nemlich Kaiſer Conſtantin, mit dem Zunamen, der Große. Von dieſer Zeit an hörten nun zwar die blutigen Verfolgungen der Chriſten von Seiten der Heiden auf; die Chri⸗ ſten bekamen Freiheit und Ruhe. Während das Chriſtenthum zuvor Schande gebracht hatte, ſo brachte es nun Ehre, und während es zuvor mit der größten Gefahr Leibes und Lebens verbunden geweſen war, ein Biſchof zu ſein, ſo wurde nun das Biſchofsamt ein Amt der Ehre, des Anſehens, des Reichthums und irdiſchen Glanzes. Je mehr aber jetzt die chriſtliche Kirche äußerlich ſtieg und an zeitlichen Gütern gewann, deſto mehr nahm ſie innerlich ab, und verlor an ihrem erſten Eifer für die Reinheit der Lehre und für die Heiligkeit des Lebens; immer mehr falſche Lehrer und fal⸗ ſche Lehren ſchlichen ſich ein, und ein immer gröͤ⸗ ßeres Verderben im Wandel nahm überhand. Noch zwar gab es im vierten und fünften Jahr⸗ hundert Männer, die für beides, für reine Lehre und heiliges Leben, gleich ernſtlich eiferten und ſegensreich und mächtig wirkten, wie ein Athana⸗ ſius, ein Ambroſius, ein Auguſtinus, und andere Kirchenväter; als aber dieſe Zeugen der Kirche durch den Tod genommen waren, als ſolche Säu⸗ len nicht mehr ſtanden, da ward der Verfall der Kirche von Jahrhundert zu Jahrhundert größer und größer. Die Haupturſache dieſes Verfalles aber war folgende. Der römiſche Biſchof, weil er in der Hauptſtadt der Welt wohnte, war anfangs von allen andern Biſchöfen freiwillig als der ange⸗ ſehenſte inſonderheit hochgeehrt worden. Die ſpäteren römiſchen Biſchöfe wollten ſich aber an dieſer freiwilligen Ehre, welche andere demüthige Biſchöfe ihnen erwieſen, nicht genügen laſſen. Je höher ihr Anſehen und ihr Einfluß, als der Bi⸗ ſchöfe der Kaiſerſtadt, geſtiegen war, je größer wurden auch ihr Stolz und ihre Anmaßungen; und ſie traten endlich mit dem Grundſatz heraus, ſie ſeien nach Gottes Wort die unumſchränkten Regierer und Herren der ganzen chriſtlichen Kirche, denn ſie ſeien die Nachfolger Petri und die ſicht⸗ baren Statthalter oder Vertreter Chriſti auf Er⸗ den. Und ſiehe! durch Liſt und Gewalt, durch Beſtechungen und Drohungen, durch Belohnun⸗ gen und Beſtrafungen brachten ſie es endlich wirk⸗ lich ſo weit, daß der jedesmalige Biſchof zu Rom von dem größten Theile der Chriſten heit und ihren Königen und Biſchöfen für den ſichtbaren Statthalter Chriſti auf Erden, ja für einen irdi⸗ ſchen Gott, nemlich für den allgemeinen Pabſt anerkannt wurde. Dahin brachte es inſonderheit 42 ein Mann, Namens Hildebrand, der im eilften Jahrhundert als Gregor VII. den römiſchen Bi⸗ ſchofsſtuhl beſtieg. Von dieſer Zeit an wurde es nun immer fin⸗ ſterer und finſterer; es wurde Mitternacht. Selbſt die Bibel wurde nun zu leſen verboten, damit das Volk die große Verführung nicht merken möchte. So kam es denn endlich dahin, daß man faſt nir⸗ gends etwas von dem wahren Evangelio und von dem rechten Wege zur Seligkeit, nemlich von dem rechtfertigenden Glauben an Chriſtum, wußte. Die Wenigen, welche noch davon zeugten, wurden mitten in der Chriſtenheit als Ketzer verfolgt. Nun lehrte man faſt von nichts mehr als von der Heiligkeit des Kloſterlebens, von der Kraft des Meßopfers für Lebendige und Todte, von der Verdienſtlichkeit der Wallfahrten an heilige Orte, von dem unbedingten Gehorſam gegen Pabſt, Biſchöfe und Prieſter, von der Anrufung der Maria und anderer ſogenannter Heiligen und von der Verehrung ihrer Reliquien, von der Enthal⸗ tung des Fleiſches an den ausgeſchriebenen Faſt⸗ tagen, von der Haltung der Kirchengebote, von der Kaufung des päbſtlichen Ablaſſes für Geld, und dergleichen. Millionen ſeufzten in dieſer Nacht wahrhaft heidniſcher Unwiſſenheit nach Licht, aber verge⸗ bens. Alle Anſtrengungen ſelbſt vieler Kaiſer und Könige, das antichriſtiſche Pabſtthum zu ſtürzen, waren verloren. — Doch endlich erbarmte ſich Gott ſeiner unter dieſer furchtbaren geiſtlichen Ty⸗ rannei ſchmachtenden Chriſtenheit und ließ ihr wieder eine Zeit der Gnadenheimſuchung an⸗ brechen, in welcher das Evangelium wieder in apo⸗ ſtoliſcher Reinheit und Fülle an den Tag kam und die Kirche, von ihren Tyrannen befreit, aufs neue als Chriſti reich geſchmückte Braut hervor⸗ ſtrahlte. Und dies begann einſt heute vor drei⸗ hundert und dreißig Jahren, den 31. October 1517, als Gott Dr. Martin Luthern, Prediger und Profeſſor zu Wittenberg in Sachſen, erweckte, zuerſt gegen die Gräuel des päbſtlichen Ablaſſes zu zeugen, durch deſſen Dienſt aber endlich das ganze bisher verdeckte Geheimniß der Bosheit enthüllt, der römiſche Pabſt aller Welt als der Antichriſt offenbart, der Chriſtenheit das reine Evangelium und der rechte Gottesdienſt wieder gegeben und ſo die Reformation der chriſtlichen Kirche vollbracht wurde. O ſeliger Tag, wo Gott dieſes große herrliche Werk begann! O ſelige Chriſten, die in ſolcher Zeit der reichſten göttlichen Gnadenheimſuchung leben! O ſelig wir, die wir Glieder der gerei⸗ nigten Kirche ſind, und daher das Evangelium lauter, die heiligen Sacramente unverfälſcht und alle Quellen der ſeligmachenden Erkenntniß, des Troſtes und der Freiheit offen haben! — Was ſollen wir nun wohl heute am Jahresfeſte dieſer großen That Gottes thun? — Laßt uns gemein⸗ ſchaftlich uns ermuntem, die damit empfangenen Wohlthaten lebendig zu erkennen und treu zu be⸗ wahren, nemlich bei unſrer theuren cvangeliſch⸗ lutheriſchen Kirche auch in dieſer letzten abfälli⸗ gen Zeit bis an unſern Tod ohne Wanken zu verharren. Ja, eine Aufmunterung hiezu ſei der Gegenſtand meiner Feſtrede in der gegenwärtigen Stunde. Tert: Offenb. 3, 7—13. Der verleſene Tert iſt, meine Lieben, aus den ſieben Sendſchreiben genommen, welche Chriſtus einſt durch Johannes an ſieben Kleinaſiatiſche Gemeinden ergehen ließ. Er enthält nemlich das Sendſchreiben Chriſti an die Gemeinde zu Phi⸗ ladelphia in Kleinaſien. ganzes Briefes liegt in den Worten: „Halte, was Du haſt, daß niemand Deine Krone nehme.“ Was Chriſtus hier der Phi⸗ ladelphiſchen Kirche zuruft, das gilt ſeiner Kirche an allen Orten und zu allen Zeiten, auch der lutheriſchen Kirche unſerer Tage. Laßt mich hier⸗ nach jetzt die Frage beantworten: Warum ſollen wir uns nichts bewegen laſſen, von unſerer evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche abzufallen? Ich antworte: 1. Weil die evangeliſch-lutheriſche Kir⸗ che die wahre Kirche JEſu Chriſti auf Erden iſt, und 2. weil das treue Ausharren bei dieſer Kirche unausſprechlichen Segen, aber der Abfall von derſelben unausbleib— lichen Fluch bringt. 1. Zu keiner Zeit und in keinem Lande iſt, meine Zuhörer, der offenbare Abfall von unſerer Kirche ſo gemein geweſen, als in unſerer Zeit und in dieſem unſerem neuen Vaterlande. Tauſende von Lutheranern, die aus unſerer Heimath hier einwandern, werfen hier entweder bald alle Reli⸗ gion weg und geſellen ſich zu den Spöttern, oder ſie laſſen ſich hier nur zu bald in den Netzen der Schwärmerei und des Indifferentismus fangen, welche über dieſes herrliche Land politiſcher und religiöſer Freiheit allenthalben ausgeſpannt ſind. Tauſende von unerfahrenen Lutheranern nemlich werden hier nur zu bald von dem ſchönen chriſt⸗ lichen Schein der Secten ſo geblendet, daß ſie mit dem Vaterlande alsbald auch ihre Religion än⸗ dern, von dem Glauben ihrer frommen Vorväter abfallen, und ihrer Mutterkirche, die ſie durch die Taufe geiſtlich geboren hatte und der ſie ſich bei ibrer Confirmation mit einem theuren Eide zuge⸗ ſchworen hatten, treulos den Rücken kehren. Wie? ſollte das wohl recht ſein? Werden ſolche Luthe⸗ raner dieſe ihre Unbeſtändigkeit im Glauben und dieſe ihre Abtrülnnigkeit von ihrer beſchworenen päterlichen Religion und Kirche einſt vor Gott verantworten und rechtfertigen können? — O wahrlich nicht! — Wäre die lutheriſche Kirche freilich eine falſche Kirche, dann zwar würde kein auch noch ſo theurer Eid, den man ihr geſchworen, bindend ſein; dann wäre Jeder vielmehr bei ſeiner Seligkeit ſchuldig, ſie zu ver⸗ laſſen. Aber darin werdet ihr gewiß alle mit mir übereinſtimmen: Wenn die lutheriſche Kirche die wahre Kirche JEſu Chriſti auf Erden iſt, ſo muß es eine erſchreckliche Sünde ſein, von ihr abzu⸗ fallen; wie es in jenem Liede heißt: Der iſt goitlos und verloren, Wer meineidig Gott geſchworen! Der Hauptinhalt des