# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1860_S283 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Schriftgelehrte sollen nicht unrecht Urtheile schreiben. 283 daß die Geschichte nicht auf die Vergangenheit zurückgewiesen, sondern das unausgesetzte Werden in ihr erkannt werde, und es ist wahrhaft religiös, daß der göttlichen Führung nicht eigenmächtig an den früheren Bildungen, gleichsam an ihrem unübertrefflichen Werke, eine Schranke gesetzt, sondern die neue, künftige Gestaltung in unterordnender Hingebung von ihr angenommen werde.“*) Mag auch die lutherische Kirche sich in strenger Continuität (d. i. stetiger Verbindung) mit ihrer historischen Vergangenheit aufbauen, — Schwächen und Irrthümer in dieser anzuerkennen, davon sollte dies doch nicht abhalten, mithin auch davon nicht, auf dem alten Grunde weiter zu bauen, und den von der Entwicklung selbst indicirten gottgewollten Fortschritt zu vollziehen, zu welchem Fortschritt ich allerdings auch die Erkenntniß der Ueberspannung des Gegensatzes zur evangelischen Schwesterkirche rechne.“ — Wir möchten uns in Betreff dieser Worte nur einige bescheidene Bemerkungen und Fragen erlauben. Wozu und warum denn die abschreckenden Ausdrücke: „Repristination (Wiederherstellung) der Vergangenheit mit Haut und Haar?“ Daß die lutherische Kirche auf ihr Bekenntniß zurückgeht, namentlich auch auf die Concordienformel, ist nöthig, und dazu hat sie ihr gutes Recht. Und dabei ist es ihre Pflicht, sich ihres ganzen Bekenntnisses wieder recht bewußt zu werden. Ist denn das auch ein Mensch, oder gibt es ein Bild von einem Menschen, wenn man, wie Jean Paul sagt, einem ein Stückchen Haut, ein paar Haarbüschel und einige Nägel vorhält, und nun sagt: das ist ein Mensch? Ein Mensch ist ein Ganzes, und das lutherische Bekenntniß ist etwas Ganzes. Dabei mag man ja gegen einzelne Lehrer, gegen Flacius, Amsdorf, Calov und andere etwas einzuwenden haben. Obgleich die auch besser wußten, was lutherische Kirche sei, als mans heut zu Tage weiß. — Und was soll denn der „judaisirende Particularismus?“ Wir sagen darauf: durch das Gesetz war die jüdische Kirche von allen andern Völkern abgeschlossen, und die lutherische Kirche ist es durch ihr Bekenntniß. Mit Alliance⸗Tändeleien können wir uns doch nicht einlassen, was haben sie denn zu Tage gefördert? Und mit „neuen, künftigen Gestaltungen in unterordnender Hingebung“ können wir uns auch nicht einlassen, spräche davon auch ein Stahl. Wir müßten Gefahr laufen, auf die Bunsen'sche Luftkirche „der Zukunft“ verwiesen zu werden. Für solche Hoff- *) Wir viel geschmähte Lutheraner erkennen im Gegentheil gerade darin Gottes Führung, wenn wir die Gnade empfangen haben, als Glieder der erneuerten Kirche das Evangelium, das nicht unausgesetzt anders wird, sondern ewig und unveränderlich ist, wie der, dessen Wort es ist, der „Philosophie und losen Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt Satzungen“ gegenüber, repristiniren zu dürfen und anstatt uns an den jedesmaligen Zeitgeist als an ein Moment des religiös zu verehrenden unausgesetzten Werdens der Geschichte unterordnend hinzugeben, vielmehr Gottes geoffenbartem Willen und Gebote gemäß in unserem ganzen Leben „Nachfolger derer werden, die (wäre es auch in uralter Vorzeit) durch den Glauben und Geduld ererbt haben die Verheißungen.“ Das kann uns doch in Wahrheit keinen Augenblick an der empfangenen Gnade irre machen, wenn Tholuck uns bedeutet, daß die repristinirte heraklitische Weisheit des Herrn Stahl unser Streben weder für wahrhaft geschichtlich, noch für wahrhaft religiös halten kann! L. u. W.