# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1860_S270 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 270 Das sogen. tausendjährige Reich. Kirchenlieder heißt es: „Wenns immer ging nach Fleisch und Blut, In Gunst, gesund, und frohem Muth, was sollte aus uns werden?“ Jung Stilling er⸗ zählt von schweren herzdurchbohrenden Leiden, die ihm während eines Win⸗ ters getroffen. Aber, fügt er hinzu, wie könnte es auch anders sein? Ohne Trübsal würde ich zum stehenden Sumpf werden. Die tausend Jahre, als goldne Zeit gedacht, würden somit tiefer betrachtet, das absolute Gegentheil einer solchen sein; es wäre unmöglich, daß ein solcher Zustand des Glückes tausend Jahre fortginge; noch ehe ein Menschenalter verflossen wäre, würden die Sünden so gewaltig wuchern, daß sie die Gerichte Gottes mit Gewalt herbeiriefen. Man bedenke noch, daß Gott nicht barmherzig, gnädig, gedul⸗ dig und von großer Güte und Treue sein würde, wenn er uns härter schlüge, als dies zu unserm Heile unbedingt nothwendig ist. Das aber anzunehmen, ist die Consequenz des Chiliasmus. Was Gott nach ihm in den tausend Jahren gewähren wird, das könnte er uns schon jetzt gewähren. Damit fällt die Vernunft in den Leiden hinweg, die oft so centnerschwer auf uns drücken, und wir werden einer Fülle des Trostes beraubt. Auch das ist eine bedenkliche Seite an dem Chiliasmus, daß er während der tausend Jahre die Thätigkeit Satans ganz aufhören läßt. Der Satan gehört zwischen 1 Mos. 8. und der neuen Erde mit zur besten Welt. Wäre dies nicht, so würde jener Wilde Recht behalten mit seiner Frage: warum Gott ihn nicht todtschlage. Er ist das Werkzeug Gottes, wodurch die ver⸗ borgene Gottlosigkeit an das Licht gezogen und für das Gericht gereift wird, wie man das an dem Beispiele des Judas sehen kann. Er ist das Werkzeug der Förderung für die Erwählten. „Selig ist der Mann, der die Versuchung erduldet, denn nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens em⸗ pfangen.“ Das Werkzeug aber dieser heilbringenden Versuchung ist „der Versucher.“ Daß dieser an Christum herantrat, ist vorbildlich für das Leben aller Gläubigen. Diesen würde mit dem völligen Quieseiren Satans ein wesentliches Mittel des Fortschrittes geraubt werden. Auch nach dieser Seite hin würde das oberflächlich betrachtet goldne Zeitalter nach tieferer Betrach⸗ tung das Gegentheil eines solchen sein. Schelling hat den Satan das solli⸗ citirende Princip in der Weltgeschichte genannt. Denken wir seine Wirk⸗ samkeit von der alten Erde hinweg, so würde eine traurige Stagnation eintreten. Ferner, für die ganze Dauer des gegenwärtigen Weltlaufes ist der Kirche die heilige Schrift gegeben. Diese aber würde in den tausend Jahren der Chiliasten ziemlich ihren Geschmack verlieren. Je weiter man in der Er⸗ kenntniß der heiligen Schrift fortschreitet, desto mehr erkennt man, daß sie ein Trostbuch ist, daß J. Gerhard Recht hat, wenn er sagt: „man kann wohl sagen, die ganze heilige Schrift sei eine fortlaufende Tröstung, dargeboten den Frommen, welche in diesem Leben unter dem Kreuze seufzen.“ Hört das Kreuz auf, so wird die heilige Schrift gar viel von ihrem Reize verlieren. Was treibt ferner mehr in sie hinein als die listigen Anläufe des Teufels, als die Erfahrungen, in denen sich darlegt, daß wir nicht mit Fleisch und