# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 04_S38 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſeine Gedanken gefaßt hat, in Buchſtaben dar⸗ ſtellen. Wie nun die Worte und Buchſtaben die Mittel des Schreibers ſind, ſeine Gedanken oder ſeinen Sinn dem Leſer mitzutheilen, ſo ſind natürlich die von einem Schreiber gebrauchten Worte und Buchſtaben hinwiederum die Mittel, deren ſich ein Ausleger bedienen muß, um die Gedanken oder den Sinn des Schreibers zu er⸗ fahren, und darſtellen oder auslegen zu können. Wer daher ſagt, er lege eine Schrift aus, und wer dabei von dem Buchſtaben oder den Worten abgeht, der handelt ebenſo thöricht, wie derjenige, der eine Auslegung über den Inhalt eines Buches liefern will, in welchem kein Wort und keine Buchſtaben, ſondern nur leere, unbeſchriebene Blät⸗ ter ſich finden. Wer den Namen, Aus leger, mit Recht tragen und das thun will, was dieſer Name ausdrückt, der darf nicht einen Sinn in ſeine Schrift hin einlegen, ſondern er muß eben den in den Worten dieſer Schrift liegenden Sinn herauslegen, das heißt: beweiſen, daß dieſer oder jener Sinn in den gebrauchten Worten liegt. Wer ſich bei Auslegung eines Textes nicht von den Worten desſelben, ſondern von'ſeinen vorge⸗ faßten Meinungen leiten läßt, wer nicht den Ausdrücken des Verfaſſers, ſon dern ſeinen Ein⸗ drücken folgt, kurz, wer von den Worten abgeht, der erklärt den Text nicht, ſondern verläßt und verändert ihn, und will ihn verbeſſern. Wer ſo⸗ nach es eingeſteht, daß er in ſeiner Auslegung von den Worten oder von dem Buchſtaben abgegan⸗ gen ſei oder habe abgehen müſſen, der hat damit auch eingeſtanden, daß er nicht den Sinn des Schreibers, ſondern ſeinen eignen Sinn und ſeine eignen Gedanken zu Tage gefördert und dies für den Sinn des Schreibers ausgegeben habe. Es iſt nun freilich wahr, daß es menſchliche Schriften gibt, in denen die Verfaſſer oft aus Mangel an Kenntniß der Sprache oder aus Un⸗ klarheit im Denken ſich ſolcher Worte bedienen, die etwas ganz anders ausdrücken, als was die Verfaſſer damit ausdrücken wollten, wie man da⸗ von täglich Beiſpiele in Menge vor die Augen bekommt. Aber dies thut darum hier nichts zur Sache, weil ſolche menſchliche Schriften gar kei⸗ ner Auslegung fähig ſind; denn kann ſich ein Ausleger nicht auf die Worte ſeines Textes beru⸗ fen, ſo kann er nie unwiderſprechlich gewiß ſagen, ob dieſes oder jenes der eigentliche Sinn des Schreibers ſei. Dieſer Einwand führt uns aber gerade auf einen zweiten Grund, warum man in der Auslegung der Bibel nicht von dem Buch⸗ ſtaben oder von den Worten abgehen darf, und dieſer iſt, weil die Bibel Gottes Wort iſt, das heißt, weil ſie ein Buch iſt, welches Gott ſelbſt geſchrieben hat, welches nemlich den heiligen Menſchen Gottes von dem Heiligen Geiſte ein⸗ gegeben worden iſt. Wer daher ſagt, daß er bei Auslegung der heiligen Schrift hie und da von dem Buchſtaben oder von den Worten abgehen müſſe, der leugnet damit ganz offenbar, daß die heilige Schrift Wort für Wort eingegeben worden ſei (1 Cor. 2, 13. 2 Petri 1,21. 2 Tim. 3, 16.), der leugnet, daß Gott durch die Propheten und Apoſtel geredet habe (Ebr. 1, 1. Luc. 10, 16.), 38 der leugnet, daß in der Schrift der Heilige Geiſt ſelbſt ſpreche (Ebr. 2, 7. vergl. Pſ. 95, 7. Marc. 13, 11.). Oder ſollte Gott nicht verſtehen, wie er recht reden müſſe? Sollte es dem menſchlichen Scharfſinn überlaſſen ſein, zu entſcheiden, wie Gott eigentlich hätte reden müſſen, um ſeinen Sinn mit angemeſſenen Worten auszudrücken? Sollte der Menſch Gott corrigiren müſſen? — Das ſei ferne! Wer das ſagt, der redet gottes⸗ läſterlich, und wer ſo in ſeiner Schriftauslegung verfährt, als könne er Gott corrigiren, der handelt gottesläſterlich. Wie aber der göttliche Urſprung der heiligen Schrift verbietet, von dem Buchſtaben oder von den Worten derſelben abzugehen, ſo auch der Zweck derſelben. Sie ſoll unſeres Fußes Leuchte und ein Licht auf unſerem Wege ſein (Pſ. 119, 105.), durch ſie ſollen wir ein feſtes propheti⸗ ſches Wort haben (2 Petri 1, 19.), ſie ſoll uns zu einem untrüglichen, letzten und höchſten und einzigen Richter über Wahrheit und Irrthum dienen (Jeſ. 8, 20.): wäre es aber erlaubt, von den Worten der heiligen Schrift abzugehen, dann hoͤrte alle Gewißheit in Glaubensſachen auf; dann wäre die Schrift eine wächſerne Naſe, welcher jeder Ausleger eine Bildung geben könnte, die ihm beliebte; dann könnte kein Artikel des chriſt⸗ lichen Glaubens aus der Schrift bewieſen, hin⸗ gegen jede noch ſo unſinnige Ketzerei als ſchrift⸗ gemäß dargeſtellt, keine aber aus der Schrift wider⸗ legt werden; dann wäre die heilige Schrift nicht ein Licht, ſondern ein Irrlicht; dann wäre ſie kein unzerbrechlicher Stecken und Stab, ſondern ein wankendes Rohr, dahingegeben jedem Winde der Menſchenlehre; dann hätte der Menſch an der heiligen Schrift keinen feſten Anker für ſeine za⸗ gende und zweifelnde Seele und keinen feſten Grund, auf den er ſein Glauben und ſein Hof⸗ fen, aller Anfechtung in Noth und Tod zum Trotz, bauen und gründen könnte. Dann wäre es daher ganz vergeblich, daß uns Gott ſein Wort gegeben hätte. Denn was hilft uns die heilige Schrift, wenn wir uns nicht auf jedes Wort derſelben verlaſſen können? Können wir uns nur auf Ein Wort der Schrift nicht ver⸗ laſſen, ſo können wir uns auf keines verlaſſen. Hinweg aber mit ſolchen gottesläſterlichen Ge⸗ danken! Mögen Millionen, die die Schrift für ein Werk einfältiger Zöllner und Fiſcher halten, meinen, ohne Gefahr von den Worten der Schrift abgehen zu können, wir, die wir die Schrift als das Wort des Allerhöchſten erkannt haben, wollen uns durch Gottes Gnade dies ſein Licht nie zu einem Irrlichte, dies ſein feſtes Wort nie zu einem Rohrſtabe machen laſſen, ſondern, während wir uns auf nichts in der ganzen Welt verlaſſen, ſoll das Wort und jedes Wort unſer Anker, unſer Fels, unſere unüberwindliche Burg bleiben, denn „alles Fleiſch iſt wie Gras und alle Herrlichkeit der Menſchen wie des Graſes Blume; das Gras iſt verdorret, und die Blume abgefallen; aber des HErrn Wort bleibet in Ewigkeit“. (1 Petri 1, 24. 25.) „Es bleibe alſo, daß Gott ſei wahr⸗ haftig, und alle Menſchen falſch; wie geſchrie⸗ ben ſtehet: Auf daß du gerecht ſeieſt in deinen Worten, und überwindeſt, wenn du gerichtet wirſt.“ (Röm. 3, 4.) Ein vierter Grund, warum man in der hei⸗ ligen Schrift nie von dem Buchſtaben oder von den Worten abgehen dürfe, iſt, weil wir da⸗ vor in Gottes Wort ſelbſt ſo ernſtlich gewarnt werden. Schon in dem erſten Buch der heiligen Schrift ſpricht Gott: „Ihr ſollt nichts dazu thun, das ich euch gebiete, und ſollt auch nichts davon thun, auf daß ihr bewahren möget die Gebote des HErrn, eures Gottes, die ich euch gebiete.“ (5 Moſ. 4, 2.) Ferner ſpricht Gott zu Joſua: „Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf daß du weislich handeln mögeſt in allem, das du thun ſollſt.“ (Joſ. 1, 7.) Ferner ſpricht Chriſtus: „Ich ſage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehn, wird nicht zergehen der kleinſte Buchſtabe, noch Ein Titel vom Geſetz, bis daß es alles geſchehe. Wer nun Eins von dieſen kleinſten Geboten auflöſet, und lehret die Leute alſo, der wird der kleinſte heißen im Himmelreich; wer es aber thut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich.“ (Matth. 5, 18. 19.) Weiter ſpricht St. Pau⸗ lus: „So jemand anders lehret, und bleibet nicht bei den heilſamen Worten unſers HErrn IEſu Chriſti und bei der Lehre von der Gottſeligkeit, der iſt verdüſtert“ ꝛc. (1 Tim. 6, 3. 4.) Hier müſſen wir noch einmal an die vor kurzem ſchon von uns angeführte letzte Warnung Gottes erin⸗ nern, mit welcher die ganze Bibel bedeutungsvoll ſchließt: „Ich bezeuge aber allen, die da hören die Worte der Weiſſagung in dieſem Buch: ſo jemand dazu ſetzt; ſo wird Gott zuſetzen auf ihn die Plagen, die in dieſem Buch geſchrieben ſtehen. Und ſo jemand davon thut von den Worten des Buchs dieſer Weiſſagung; ſo wird Gott ab⸗ thun ſein Theil vom Buch des Lebens, und von der heiligen Stadt, und von dem, das in dieſem Buch geſchrieben ſieht.“ (Offb. 22, 18. 19.) Wer will es nach ſolchen Erklärungen Gottes ſelbſt wagen, auch nur von Einem Worte, auch nur von Einem Titel, auch nur von Einem Buch⸗ ſtaben der Bibel, und wäre es der kleinſte, abzu⸗ gehen? Dürfen wir etwa glauben, daß Gott denen, die auch nur von Einem Worte, ja Buch⸗ ſtaben ſeiner Offenbarung abgehen, ſo ſchrecklich drohen werde, und daß er dennoch ſein Wort ſelbſt ſo geſchrieben habe, daß man davon abgehen müßte? Oder dürfen wir glauben, daß es Gott mit ſeinen Drohungen nur ein Scherz ſei? Nein, das Erſte nicht, denn Gott iſt die ewige Weisheit und ewige Liebe, und das Zweite nicht, denn er iſt die unveränderliche Wahrheit und unverletzliche Gerechtigkeit. Wehe darum allen denen, welche wiſſentlich auch nur von Einem Worte der ſchrift⸗ lichen Offenbarung des großen Gottes abweichen! Wer wichtige menſchliche Handſchriften, Doku⸗ mente, und dergleichen, verändert und verfälſcht, der wird ſchon von Menſchen als ein ehrloſer, nichtswürdiger Bube zur Strafe gezogen, was wird der zu erwarten haben, der Gottes eigne Handſchrift, die er allen Menſchen über Seligkeit und Verdammniß ausgeſtellt hat, verändert und verfälſcht? Ihm gilt der apoſtoliſche, im Namen