# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1860_S254 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 254 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. Fremdartiges ist, daß es nicht schwer hält, dagegen einzunehmen und die Meinung zu erregen, das Beste sei radikale Bekämpfung, statt tragender Geduld bei evangelischem Wirken. Aber mit diesen Schriften ist völlig die Basis verlassen, auf welcher bisher die Grundsätze, das Wirken unsrer Mission sich bewegten und auch der vielgenannte „Entscheid“ stand. Denn wenn dieser, im Einklang mit allen bisherigen Erklärungen und Maßnahmen von Seiten unsrer Mission, auf der Anschauung ruht, daß an der Kaste eine doppelte Seite, die bürgerliche und die religiöse, zu unterscheiden seien, daß die erstere zu bekämpfen nicht Aufgabe, wenigstens nicht unmittelbar Aufgabe der evangelischen Predigt und der Kirche überhaupt sein könne, wenn man nicht aus dem Evangelium und Christenthum Gesetz machen wolle; daß von der Kaste fallen müsse, was mit dem Evangelium im Widerspruch stehe, aber bleiben möge, was sich mit demselben vertrage und seiner verklärenden Einwirkung nicht verschließe, wenn es auch unsren Anschauungen und Sitten noch so fremd und widerstrebend sein möge — so geht dagegen Ochs und mit ihm Moraht besonders in der zweiten Schrift ganz ausdrücklich von dem Grundsatz aus, daß diese Scheidung zwischen der bürgerlichen und der religiösen Seite an der Kaste unmöglich sei, und daß der Kaste daher auch in politicis kein Schritt breit nachgegeben werden dürfe. Wenn nun aber Ochs anerkennt, daß alle „Sitte“ bei den Tamulen unlösbar mit der Kaste zusammenhänge, so wäre es also die Aufgabe der Mission, alle nationale Sitte zu bekämpfen. Was das aber heißt, einem Volke seine nationale Sitte nehmen, weiß ein jeder Verständige, der die Bedeutung der Sitte für die Sittlichkeit zu schätzen weiß. Von doppeltem Gewicht ist dieselbe aber bei einem Volk, wie die Tamulen, welches, wie wenige, des Haltes der Sitte und Ueberlieferung bedarf, da ihm individuelle persönliche Selbstständigkeit in so hohem Grade abgeht, wie denn daher auch Sitte, Gewohnheit das dritte Wort in ihren Reden und die größte Macht in ihrem Leben ist. Ist überhaupt der radikale Geist nicht der rechte Geist der Mission und der Kirche, so ist er den Tamulen gegenüber doppelt verwerflich. Man kann jene Neigung zu radikalem Vorgehen eher begreifen bei Engländern, welche keinen Sinn für fremde nationale Eigenthümlichkeiten und keine Achtung vor denselben haben, und so denn am liebsten jedem Volk ihre Weise des Lebens aufdrücken. So haben sie z. B. den evangelisirten Armeniern ihre überlieferte schöne Weise des Gebets mit aufgehobenen Händen genommen und die englische, den Kopf auf die rechte Hand zu stützen, gebracht, und so machen sie zum Theil aus den christlichen Tamulen anglisirte Ostindier, die losgelöst von dem Zusammenhang mit dem Volke, dann auch nicht die gehörige Einwirkung auf dasselbe haben. Darum werfen sie sich auch vorzugsweise auf die Schulthätigkeit, weil man in der Schule freilich die Grundsätze leichter durchführen kann, wider die das wirkliche Leben sich sträubt. Durch ihre Schulen aber helfen sie vielfach ein „junges Indien“ heranziehen, welches, emancipirt von der Väter Brauch und Sitte in falscher Weise, schwerlich die Hoffnung der Zukunft Indiens ist. Daß nun unsre Mission nach dem Geist unsrer Kirche ihre eignen Wege evangelischer Wirksamkeit geht, ist den Engländern unerträglich. Darum machen sie derselben Vorwürfe über Vorwürfe. Es ist aber die deutsche Unart, sich vom Urtheil des Auslandes imponiren zu lassen. Es ziemte wohl den Lutheranern, sich davon frei zu machen und nicht mit der Neuen Evangelischen Kirchenzeitung, diesem Organ der ausländischen Allianz, in Ein Horn zu stoßen. Die Lutheraner der Missouri⸗Synode in Nord⸗Amerika waren, als die Kastenfrage öffentlich wurde, keinen Augenblick zweifelhaft, wie sie sich zu derselben stellen sollten. Sie hatten in der Sclavenfrage eine practische Schule durchgemacht; denn dieser Theil der lutherischen Kirche Nord⸗Amerika's hat auch in Sclavenstaaten das Evangelium zu predigen. Da lernten sie denn bald, und wir können es von ihnen lernen, daß die Kirche nicht den Beruf hat, ohne Weiteres bürgerliche Ordnungen umzustoßen, auch wenn sie mit dem Geist des Christenthums schwer zu stimmen scheinen, sondern das Evangelium zu predigen und zu einer Macht der Herzen zu machen. Dann wird sich das Andere bald von selbst finden und machen, und zwar gesund, weil evangelisch und naturwüchsig und nicht gesetzlich und gemacht. Doch kehren wir nach diesem Excurs zum Bericht zurück! Unsre Mission ist im letzten Jahre viel von Krankheit heimgesucht worden. Schwarz und Ouchterlony waren schwer erkrankt; Kelber mußte die Rückreise antreten und es ist zweifelhaft, ob er wieder tauglich werden wird, in das indische Klima zurückzukehren; Kremmer ist erschöpft und muß im