# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S224 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 224 Kirchlich-Zeitgeschichtliches. Pfarrer Baptist Noel, Broek, O'Neile in Gesellschaft mehrerer anderen nicht geistlichen Herren. Gegen 1 Uhr trat Herr Broek vor und machte in wenigen Worten den Zweck der Versammlung bekannt. Darauf hielt Baptist Noel eine Ansprache an diese seltsame Zu- hörerschaft, und that das mit ebenso viel Beredtsamkeit, als Weisheit und Liebe. Er stellte darin die Erfahrungen und das Loos des entsittlichten Weibes mit dem des tu⸗ gendsamen von Anfang bis zu Ende des Lebens neben einander, und verkündigte in kräftigen und zugleich liebevollen Worten diesen unglücklichen Geschöpfen den Jesus, der nicht fürchtete sich zu besudeln, indem er die Zöllner und die Sünderinnen zu sich rief. Er las ihnen dann mehrere Briefe von reuigen Frauen und Mädchen vor, welche von dem Glück zeugten, das sie seit ihrer Bekehrung genossen, und schloß endlich mit guten Rathschlägen, Ermuthigungen und Anweisungen für diejenigen, weiche auf den rechten Weg zurückkehren wollten. Die Herren Broek, O'Neile und Andere richteten darauf brünstige Gebete zu Gott, und der Eindruck, den das alles auf die Versammlung hervorbrachte, war ein so großer, daß viele ihre Gesichter in ihre Taschentücher verbargen, weinten und schluchzten, und daß mehr als eins der anwesenden Frauenzimmer ohnmächtig aus dem Saal fortgetragen werden mußte. Man kündigte zugleich den Reuigen an, daß sie im London-Reformatory, oder in Trinity-Home, oder in neuen Anstalten Aufnahme finden könnten. Man gab ihnen Adressen und vertheilte unter sie Tractate und Kärtchen mit geeigneten Bibelsprüchen bedruckt. Um 3 Uhr Morgens ging die Versammlung aus einander und mehrere dieser Frauenzimmer wurden in derselben Nacht noch in einem Asyl untergebracht. Die übrigen veranstalteten freiwillig und ohne irgend eine an sie ergangene Aufforderung unter sich auf der Stelle eine Collecte für die Armen. Am 21. Februar wurde in demselben Local und unter denselben Umständen die zweite nächtliche Versammlung der Art gehalten. Gegen zweihundert Eingeladene waren erschie⸗ nen. Wiederum wurden, wie das erste Mal, Erfrischungen gereicht, Reden gehalten und Gebete gesprochen. Während einer der Reden ereignete sich ein ergreifender Zwischenfall. Der Redner, Herr Baptist Noel, hatte seine Zuhörerschaft an eine nächtliche Versammlung erinnert, die einst zu Philippi in Macedonien gehalten wurde, und in der der Apostel Paulus die Bekehrung des Kerkermeisters erlangte. Er hatte mit Nachdruck die Nothwendigkeit der Bekehrung gepredigt und mehrere Fälle von armen gefallenen Frauenzimmern angeführt, die durch die Gnade Gottes aus dem Zustande ihrer Erniedrigung gerettet und nützliche, ja, selbst geachtete Glieder der Gesellschaft geworden waren. Die Versammlung hörte mit Aufmerksamkeit zu, ohne jedoch besonders lebhafte Eindrücke zu erkennen zu geben. Als aber zuletzt der Redner hinzufügte, daß seit der ersten Zusammenkunft eine Mutter ihm eine Photographie ihrer Tochter geschickt habe mit der Bitte, zu sehen, ob dieses verlorene Kind sich nicht unter den Eingeladenen der St. James-Halle-Restoration fände, da bemächtigte sich eine tiefe Bewegung der ganzen Versammlung, ein allgemeines Schluch⸗ zen brach aus und die Gesichter benetzten sich mit Thränen; es schien, als ob jede dieser Un⸗ glücklichen sich fragte, ob da nicht von ihrer Mutter die Rede wäre. Ein Augenzeuge berichtet, daß, als nach einer anderen Rede des, dem Einsender eben⸗ falls von den unvergeßlichen Tagen der Gründung des Evangelischen Bundes her wohl er⸗ innerlichen, Rev. Vickersteth ein Gebet gesprochen wurde, die ganze Versammlung ebenso andächtig mit betete, als man es nur in einer Kirche sehen könne. Alle Gesichter bedeckten sich mit den Händen und mehr als ein Knie beugte sich vor dem Throne der Gnade. Das Gebet war inbrünstig, die Worte und der Ton des würdigen Geistlichen waren die eines Mannes, der neben sich die Sünde und das Elend in einer ihrer schrecklichsten Gestalten sieht. Bei dieser zweiten Versammlung wurden die Eingeladenen, ebenso wie bei der ersten, benachrichtigt, daß diejenigen, welche es wünschten, in besonderen Asylen aufgenommen wer⸗ den könnten. Das Ergebniß dieser Einladungen waren für die Versammlung vom 8. Fe⸗ bruar zweiundzwanzig Aufnahmegesuche gewesen, das von der zweiten bestand in dreiund⸗ zwanzig. Zwei von den nach der ersten aufgenommenen Reuigen sollen bereits wieder in ihre Familien zurückgekehrt sein. Trotz seiner Seltsamkeit hat das Liebeswerk der St. James-Halle-Restoration die leb⸗ hafteste Theilnahme unter allen englischen Christen erregt und ist der Gegenstand vieler be⸗ sonderer Gebete in London und andern Orten des Landes geworden. Eine Subscription, welche zwischen den beiden Versammlungen zum Besten dieses Werkes veranstaltet wurde, hat schon mehr als 12,000 Gulden zusammengebracht.