# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S215 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Das sogen. tausendjährige Reich. 215 nennt, mit dem Vorwande, es müsse ein ganz neues Gebäude aufgerichtet werden.“ Es ist das eine bedenkliche Seite, welche der Chiliasmus auch in seinen neuesten Erscheinungen wieder darbietet. In welchem Grade er die Hände schlaff macht, die bis zu dem Anbruche des wahrhaftigen Reiches der Herrlichkeit und während der ganzen Dauer der streitenden Kirche stark sein sollen, zeigt z. B. die Aeußerung von Prof. Auberlen: „Wer nicht glaubt, daß der Herr selbst noch seinem Reiche auf Erden zu Sieg und Herrschaft helfen werde, der meint dies hohe Ziel durch eigene Thätigkeit erreichen zu müssen und vergißt das: „ohne Menschenhand.“ Solcher Quietismus führt dahin, daß man den Feinden der Kirche das Feld überläßt. Nach und nach aber kam mit dem Pietismus der mit ihm von seinem Ursprunge an verwachsene feinere Chiliasmus zu fast unbedingter Herrschaft. Was Petersen ungeachtet seines stürmischen Eifers, ja wohl grade wegen desselben nicht gelungen war, die Gemüther für den strengeren Chiliasmus zu gewinnen und der Spenerschen Schwebe ein Ende zu machen, das erreichte der treffliche Prälat Bengel, der diesen Chiliasmus mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln der Wissenschaft zu befestigen suchte. Als der Rationalismus an die Stelle des Pietismus trat, der ihm in so vieler Beziehung vorgearbeitet hatte, und als dessen Phlegma und Bodensatz er betrachtet werden kann, so fiel mit allen anderen auf Offenbarung beruhenden Lehren natürlich auch der Chiliasmus zu Boden. Wie der Rationalismus mit ihm sein Gespötte trieb, und wie er gar wohl diese Blöße zu benutzen verstand, welche sich die Kirche gegeben, zeigt z. B. die in ihrer Zeit vielgelesene Geschichte des Chiliasmus von dem Züricher Professor Corodi. Der Pietismus war noch nicht ganz ausgestorben als die neue Wiederbelebung der Kirche begann. Namentlich berührte sich der Anfang der letzteren mit dem Ende des ersteren, neben dem Wupperthale, in Würtemberg, wo durch die Auctorität Bengels sich die Lehre vom Chiliasmus besonders tief in die Gemüther eingesenkt hatte. Man kann sie mit gewissem Rechte als ein Würtemberger Dogma betrachten. Wie der Rheinländer für die Herrlichkeit der Presbyterialverfassung schwärmt, weil er darin die besondere Ehre seines Hauses erblickt, so meint der Würtemberger gar leicht, daß man in der durch seinen Landsmann Bengel eingebürgerten Lehre vom Chiliasmus seinen Augapfel antaste. Es war unter diesen Umständen sehr natürlich, daß das tausendjährige Reich in den Bestand der christlichen Anschauungen der neuen Generation aufgenommen wurde, die zunächst den Faden da wieder anknüpfte, wo er bei dem Einbrechen des Rationalismus abgerissen war. Geraume Zeit hindurch erfreute sich der Chiliasmus einer fast unbestrittenen Herrschaft, jedoch so, daß er fast nur in Würtemberg und dem angrenzenden Baden, dann im Wupperthale schärfer betont, im Ganzen und Großen kein besonderes Gewicht auf ihn gelegt wurde. Man hatte es fast ganz vergessen, daß diese Lehre ursprünglich in der Kirche verpönt gewesen war und nur den Kreisen der Secten und Schwärmer angehört hatte. Es dauerte ziemlich lange bis ein ernstlicher Angriff erfolgte, und dieser Angriff