# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S214 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 214 Das sogen. tausendjährige Reich. frauen. Im Unterschiede von Spener lehrte Petersen eine doppelte Zukunft Christi, ein doppeltes Gericht und eine doppelte Auferstehung. Vor den tausend Jahren werde Christus mit der Posaune Gottes und mit der Stimme des Erzengels herunterfahren, alle diejenigen, die von Anfang der christlichen Kirche an ihn geglaubt haben, würden auferstehen und im verklärten Leibe mit ihm Gericht halten und regieren, die noch lebendigen Gläubigen würden verwandelt und mit ihm in die Luft gerückt werden. Bei alledem würde aber doch noch ein Same des Bösen übrigbleiben, der nach Ende der tausend Jahre werde gerichtet werden. Diese Ansichten wurden von Petersen und seiner Frau in einer wahren Fluth von Schriften vertheidigt. Die kirchliche Rechtgläubigkeit leistete geraume Zeit hindurch dem Chiliasmus entschiedenen Widerstand. Petersen wurde, nachdem sogar ein Responsum der eine freiere Richtung repräsentirenden theologischen Facultät in Helmstädt vom J. 1692 dahin ausgefallen war, daß er, „weil er von Ausbreitung des Chiliasmus nicht ablassen wolle, zu removiren sei“, durch Urtheil des Consistoriums seines Amtes als Superintendent in Lüneburg entsetzt. Die interessanten Verhandlungen theilt seine Selbstbiographie mit, in der er eine lange Reihe von Fällen aufzählt, in denen Gegner des Chiliasmus von jähem Tode, Verlust der Augen, Verdorrung des Armes und anderen schweren Leibesschäden betroffen sein sollen. Zu großer Genugthuung gereichte es ihm, als er unmittelbar nach seiner Absetzung einen Brief von dem Kammerpräsidenten Herrn von Knyphausen in Berlin erhielt mit der Meldung, der Churfürst lasse ihn einladen, seinen Wohnsitz in seinen Landen zu nehmen, und setze ihm eine Pension aus, er selbst, der Präsident, habe die Göttlichkeit der Asseburgischen Bezeugungen erkannt und wolle für sich noch etwas zulegen. In der stillen und obscuren Zurückgezogenheit, in der er in Niederdodeleben bei Magdeburg sein Gütchen baute, tröstete er sich damit, daß der Herr ihn im tausendjährigen Reiche über zehn Städte setzen werde. Noch schlimmer wie Petersen erging es einem Pfarrer Stier in der Gegend von Frankfurt am Main. Er kam in Verdacht, eine im Jahre 1724 anonym erschienene fanatisch chiliastische Schrift verfertigt zu haben und wurde deshalb gefangen gesetzt. Nachdem er den Beweis geführt hatte, daß Petersen der Verfasser der Schrift sei, er sie nur zum Drucke befördert habe, wurde er zwar losgelassen, mußte aber doch öffentlich Abbitte thun.*) Welche feste Haltung die kirchliche Rechtgläubigkeit dem Chiliasmus gegenüber auch auf dem theologischen Gebiete bewahrte, zeigt der Timotheus Verinus des frommen Gegners des Pietismus, des Dresdner Oberhofprediger Löscher. Als den Hauptgrund gegen den Chiliasmus macht dieser, wie schon vor ihm Jo. Gerhard, die bedenkliche Vermengung der gegenwärtigen und zukünftigen Welt geltend, welche er sich zu Schulden kommen lasse, und die Alterirung der Lehre der Schrift und des christlichen Bekenntnisses von der Auferstehung. Dann weist er auch darauf hin, „daß man an der gegenwärtigen Verfassung der Kirche verzagt und alles Bessern, so daran geschieht, nur unnützes Flicken *) Walch, Religionsstr. innerhalb ꝛc. 2 S. 614.