# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S213 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Das sogen. tausendjährige Reich. 213 logie auf gewaltsame Weise, jedoch von einem gesunden Triebe geleitet, entzog, wurde von Spener gezogen, während er besser gethan hätte, jenen Irrthum in Bezug auf das Babel der Apokalypse zu beseitigen. Dagegen aber bewahrte Spener sein gesunder nüchterner Sinn vor der Annahme einer Auferstehung vor der Auferstehung. Er erklärte, er wisse nicht, was es für eine Auferstehung sei, von der die Apokalypse rede. Eine leibliche Auferstehung könne es nicht sein, denn sie werde den Seelen zugeschrieben und von den Leibern sei gar nicht die Rede. Die tausend Jahre, meinte er, seien unbestimmte Bezeichnung einer langen Zeitdauer. Das Ganze kam bei ihm also darauf hinaus, daß eine großartige Erweckung in Aussicht stehe. Diese Spenerschen Anschauungen fanden in weiten Kreisen Eingang und wurden namentlich von der gesammten Halleschen theologischen Facultät angenommen, die recht eigentlich zu dem Zwecke gegründet war, den freieren Spenerschen Standpunkt gegenüber dem streng kirchlich orthodoxen zu vertreten und besonders ein Bollwerk gegen Wittenberg abzugeben. Wie aber in vielen anderen Punkten, so fehlte es auch hier nicht an solchen, welche die von Speners Mäßigung gesetzten Schranken durchbrachen und die Opposition gegen die Lehre der Kirche auf die Spitze trieben. Das Haupt dieser war der Dr. J. W. Petersen, Superintendent in Lüneburg. An ihm bewährte sich der Ausspruch Speners in den theologischen Bedenken, „daß die Liebe zu der Meinung vom Chiliasmo, wo sie einmal in ein Gemüth eingesessen, die Leute so einnehme, daß sie sich nicht halten können, aller Orten davon zu reden.“ Es ist das in der That eine Eigenthümlichkeit der Lehre vom tausendjährigen Reiche, die sich noch bis auf den heutigen Tag kundgibt. Sie erklärt sich daraus, daß das Bewußtsein ihrer Schriftwidrigkeit und Unhaltbarkeit sich in den innersten Tiefen der Seele regt, und daß man, wenn man einmal entschlossen ist, ihm keine Folge zu geben, nun Alles aufbieten muß, seiner Meinung neue Stützen zu bereiten, bis zuletzt die ganze Schrift in den Strudel des Chiliasmus hineingezogen wird. Bei Petersen war dies in der That der Fall. Er wurde mehr und mehr zu einem Schwarmgeist, dessen Taggedanke und dessen Traum bei Nacht der Chiliasmus war und die mit ihm Hand in Hand gehende Lehre von der Wiederbringung. Seine eifrige Mitstreiterin war seine Frau Eleonore geborne von und zu Merlau, welche behauptete, daß Gott ihr durch unmittelbare Mittheilung die Geheimnisse der Offenbarung erschlossen habe. Die Visionen eines Fräuleins Rosamunde von Asseburg, welches unter den Einflüssen des Ehepaars stand, mußten dazu dienen, das neue Dogma zu bekräftigen. Petersen gab sie im J. 1715 unter dem Titel: „Oeffnungen des Geistes“ heraus. Er ging soweit, zu behaupten, „Niemand läugne die tausend Jahre als diejenigen, deren Qual darin angehen wird“, „die Decke, die vor den Augen der Antichiliasten liege, sei viel dicker und die Verstockung ihrer Herzen viel größer, als die der Juden.“ Da mehrere, die es Anfangs mit ihm gehalten hatten, sich zurückzogen, erklärte er, solche ermüdete und schläfrige Chiliasten seien die fünf thörichten, er aber und die übrigen, die das Werk noch munter trieben, die fünf klugen Jung⸗