# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S212 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 212 Das sogen. tausendjährige Reich. unser Herr Jesus Christus am jüngsten Tage kommen wird, zu richten, und alle Todten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe verdammen.“ Danach liegt das Verwerfliche in dem Chiliasmus darin, daß er die von der Schrift gesetzten Gränzen zwischen den beiden Welten, der alten und der neuen, umstößt, daß er eine Auferstehung vor der Auferstehung lehrt, ein Reich der Herrlichkeit vor dem jüngsten Tage. Das aber ist dem seinen mit dem gröberen Chiliasmus gemeinsam. Es wird kaum ernsthaft gemeint sein, wenn gesagt worden ist*): „Unsere Lehre vom tausendjährigen Reiche ist nicht der von der Augustana verworfene Chiliasmus, denn dieser setzt die tausend Jahre vor der Auferstehung, wir dagegen setzen sie nach der Auferstehung.“ Es liegt am Tage, daß die Auferstehung in der Augsb. Conf. die von der Kirche bekannte allgemeine Auferstehung am jüngsten Tage ist. Wir sind nicht der Meinung, daß mit dieser Erklärung des Grundbekenntnisses unserer Kirche gegen den Chiliasmus die Sache für immer abgethan sei. Aber das scheint uns klar zu sein, daß der Eifer, mit dem man jetzt nicht selten im südlichen und westlichen Deutschland den Chiliasmus auf die Kanzel bringt, die Gränzen einer berechtigten kirchlichen Freiheit überschreitet und somit zur Auflösung der Kirche wirkt. Der Geistliche wird in seiner Amtsthätigkeit das Bekenntniß der Kirche immer so lange respectiren müssen, als die Kirche selbst es nicht abgeändert hat. Doch wir verfolgen weiter den Gang der Geschichte. Im weiteren Verlauf des 16. Jahrh. und bis zu Ende des 17. fand in den lutherischen Gebieten die Lehre vom tausendjährigen Reiche nur bei einer Reihe sonstiger notorischer Irrlehrer und Phantasten Anklang. So bei dem Arianer Joh. Erasmi, dem trübseligen Schwärmer Ezechiel Meth, den Rosenkreuzern. Auch in der reformirten Kirche blieb es eine vereinzelte Erscheinung, wenn ein namhafter Theologe, Joh. Piscator, der Verfasser der gebräuchlichsten deutschen reformirten Bibelübersetzung behauptete: „die Märtyrer allein würden vor der allgemeinen Auferstehung auferstehen und tausend Jahre mit Christo im Himmel regieren.“ Eine neue Wendung nahm die Sache, als Spener im Jahre 1692 seine „Behauptung der Hoffnung besserer Zeiten“ herausgab. Er bekannte sich in derselben zum Chiliasmus, aber nach seiner Weise in einer feineren Gestalt und so, daß er ihn möglichst abstumpfte und ihm das Anstößige zu benehmen suchte. Er beschränkte sich darauf, zu behaupten, daß die tausend Jahre der Apokalypse noch zukünftig seien und daß ein herrlicher Zustand der Kirche zu hoffen, eine Behauptung, für welche die kirchliche Theologie eine bedeutende Handhabe darbot, indem sie noch immer daran festhielt, daß das Babel der Apokalypse, das Weib, das an vielen Wassern sitzet, das päpstliche Rom sei. Ist dies, so müssen die zehn Könige, welche das Weib verstören, noch zukünftig sein, und ebenso die tausend Jahre, welche erst auf den Sieg Christi über die zehn Könige folgen. (?) Diese Consequenz, der sich die kirchliche Theo⸗ *) Flörke, Past. in Lübz, die Lehre vom tausendjährigen Reiche, Marburg 1859. S. 4.