# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S211 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Das sogen. tausendjährige Reich. 211 den Widerspruch in das System der christlichen Lehre einzuführen. — Mit der wachsenden Ausbildung der Theologie, in dem Zeitalter der eigentlichen Kirchenväter, vom vierten Jahrhundert an, kam der Chiliasmus mehr und mehr in Verruf. Lactanz ist der letzte namhafte Vertreter desselben. Besonders wirkte für seine Beseitigung die Auctorität des Hieronymus und des Augustinus. Der erstere bezeichnete die chiliastischen Meinungen als „Jüdische Fabeln“, bemerkte jedoch, von einer eigentlichen kirchlichen Verdammung müsse das abhalten, „daß viele kirchliche Männer und Märtyrer solches gesagt haben.“ Das müssen auch wir uns noch gesagt sein lassen. Es handelt sich hier nicht um einen Streit, welcher den eigentlichen Glaubensgrund betrifft, es handelt sich um eine brüderliche Verständigung zwischen solchen, die in dem Glaubensgrunde einig sind, über einen Punkt, in Bezug auf den man verschiedener Meinung sein kann, ohne daß das Innerste des geistlichen Lebens dadurch gefährdet würde.*) Augustinus (von der Stadt Gottes B. 20. K. 7) sagt: „Auch wir sind einstmals solcher Meinung gewesen“, er sei aber später zu besserer Erkenntniß gekommen, und bezeichnet die chiliastischen Ansichten in ihrer groben Gestalt als „lächerliche Fabeln.“ In dem Buche von den Ketzereien an Quodvultdeus führt er den groben Chiliasmus in der Reihe der ketzerischen Meinungen auf. Während des Mittelalters lag der Chiliasmus ganz danieder. Bei der Revision des gesammten kirchlichen Bestandes in der Reformationszeit konnte es nicht anders sein, als daß er hier und da wieder auftauchte, namentlich bei den zu allem Abnormen und Barocken geneigten Wiedertäufern. Die Augsburgische Confession aber trat ihm entschieden entgegen. Sie sagt in ihrem 17. Artikel nach Verwerfung der wiedertäuferischen Lehre von der Wiederbringung: „Item hier werden verworfen etliche Jüdische Lehre, die sich auch jetzund eräugen, daß vor der Auferstehung der Todten eitel Heilige ein weltlich Regiment haben und alle Gottlosen vertilgen werden.“ Man hat dies Urtheil blos auf den damaligen Chiliasmus beziehen wollen. Aber dagegen spricht, daß die Confession von Lehren spricht, die sich auch jetzt eräugen, und also auch die früheren Erscheinungsformen vor Augen hat, dann auch, daß die Bezeichnung als „Jüdische Lehren“ von Hieronymus entlehnt ist. Man hat behauptet, die Augsburgische Confession meine nur den groben Chiliasmus. Allein zwischen dem groben und dem feinen Chiliasmus ist nur eine fließende Gränze, und wenn die Confession einen Unterschied gemacht wissen wollte, so hätte sie genug Veranlassung gehabt, dies zu bemerken, da in der alten Kirche ja schon verschiedene Gestaltungen, gröbere und feinere, vorlagen. Wenn die Confession die letzteren nicht ausnimmt, so hat sie offenbar den Unterschied nicht machen wollen. Daß aber die ganze Gattung gemeint ist, und nicht blos eine einzelne Art desselben, das tritt besonders hervor, wenn wir die Bejahung ins Auge fassen, welche den beiden Verneinungen der Wiederbringung und des Chiliasmus vorangeht und ihre Grundlage bildet. Da wird gelehrt, „daß *) Wir meinen, durch das Festhalten irgend eines Irrthums, der „die Aussprüche des HErrn ꝛc. entschieden gegen sich hat“ komme das geistliche Leben in Gefahr. L. u. W.