# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S210 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 110 Das sogen. tausendjährige Reich. treter des Chiliasmus mit Unrecht auf diese alten Zeugen für denselben ein so großes Gewicht legen. Männer, wie Justin der Märtyrer, Tertullian, sind für alle Zeiten der Kirche von hoher Bedeutung durch ihren urkräftigen Glauben. Die Theologie aber an ihre Auctorität binden, würde höchst verkehrt sein. Sie gehören, trotz so vieler Lichtblicke doch immer dem Kindheitszustande derselben an, überhaupt und ganz besonders in Bezug auf die Schriftauslegung. Die Heilige Schrift stammt von oben, da ist das Vollkommne im Anfang der Entwickelung und als Bedingung derselben. Die Theologie dagegen ist eine menschliche Wissenschaft, und die muß sich nothwendig aus dürftigen Anfängen nach und nach fortbilden. Wie gering diese Anfänge damals noch waren, das läßt sich grade bei den Aeußerungen über diese Lehre selbst recht klar darthun. Die beiden Männer, auf deren Auctorität sich der Chiliasmus besonders stützt, Justin der Märtyrer und Tertullian, sind noch so wenig orientirt, daß sie in eins zusammenziehen, was die Apokalypse so streng scheidet, die tausend Jahre und das neue Jerusalem, ohne irgend darauf zu achten, daß zwischen beiden der große Abfall liegt und das Anstürmen Gogs und Magogs gegen die geliebte Stadt. Tertullian sagt (in der Schrift gegen Marcion B. 3 K. 25): „Wir bekennen, daß auf Erden uns ein Reich verheißen sei ehe wir in den Himmel kommen in einen neuen Zustand, nämlich tausend Jahre hindurch nach der Auferstehung, in der von Gott geschaffenen Stadt Jerusalem, welche sich vom Himmel herabsenken wird.“ Nach Justinus bringen die Frommen die tausend Jahre zu „in Jerusalem, welches auferbaut wird, geschmückt und erweitert.“ Es ist ferner nicht zu übersehen, daß solche chiliastische Lehre in der Kirche nie die allgemein anerkannte war. Justinus sagt ausdrücklich, daß viele auch unter den gottesfürchtigen und rechtgläubigen Christen dieser Ansicht nicht beipflichten*), obgleich er sich nicht enthalten kann, nachher doch noch zu insinuiren, daß zur vollkommnen Orthodoxie auch das Festhalten dieses Punktes gehöre. In den Briefen des Römischen Clemens, des Ignatius und Polycarp, in den apologetischen Schriften des Tatian, Athenagoras, Theophilus von Antiochien findet sich keine Spur chiliastischer Meinungen. Die Abneigung gegen den Chiliasmus war bei mehreren so lebhaft, daß sie dadurch veranlaßt wurden, die Echtheit und das canonische Ansehen der Offenbarung Johannis zu verwerfen, deren Verständniß damals sich noch in dem Kindheitszustande befand und aus der auf dem Wege der Auslegung den Anstoß zu beseitigen sie noch nicht fähig waren. Das war ein heroisches Mittel, aber man wird die Anwendung desselben, so wie die Sachen damals lagen, kaum tadeln können. Der Chiliasmus hat so entschieden die Aussprüche des Herrn in den Evangelien und die übrigen Bücher des N. T. gegen sich, daß man, wenn einmal eins sein mußte, besser daran that, die Apokalypse zu verwerfen, als auf Grund derselben den Chiliasmus anzuerkennen und dadurch einen schreien⸗ *) Πολλοὺς δ' αὖ καὶ τῶν τῆς καθαρᾶς καὶ εὐσεβοῦς ὄντων χριστιανῶν γνώμης τοῦτο μὴ γνωρίζειν ἐσήμανά σοι.