# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 11 04_S33 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Redigirt von C. F. W. Walther. Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Synode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten. Zahrgang 4. St. Jouis, Mo., den 4. November 1847. No. 5. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den jahrlichen Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche denſelben vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Nur die Briefe, welche Mittheilungen für das Blatt enthalten, ſind an den Redacteur, alle anderen aber, Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W. Walther, St. Louis, Mo., anher zu ſenden. enthalten, unter der Adreſſe: welche Geſchäftliches, Beſtellungen, Abbeſtellungen, Gelder ꝛc. (Eingeſandt von Prof. Wolter.) „Wer hat Ihnen geſagt, daß dieſes (die Bibel) die heilige Schrift ſei?“ (Schluß.) Wir wollen nun noch mit wenigen Worten auf die Frage antworten, wer aber bei anerkann⸗ ter Göttlichkeit der heiligen Schrift entſcheiden ſoll, wenn über den Sinn der bibliſchen Aus⸗ sprüche ſich Streit erhebt? Die zahlloſe Mannigfaltigkeit von Secten, welche ſich faſt ohne Ausnahme auf die heilige Schrift berufen, muß der römiſchen Kirche zum Beweiſe dienen für die Nothwendigkeit eines höch⸗ ſten ſichtbaren Tribunales, welches über den ſtrei⸗ tigen Sinn der heiligen Schrift zu entſcheiden habe, damit die Einigkeit der Kirche aufrecht er⸗ halten, und ihre gänzliche Auflöſung verhindert werde; und dieſes Steckenpferd reitet die römiſche Kirche um ſo lieber, weil einerſeits ein Unver⸗ fländiger leicht durch den Schein der Wahrheit geblendet wird, andererſeits die römiſche Geiſtlich⸗ keit ſich ſo am unfehlbarſten die Herrſchaft über die Gemüther zuſichert. Nichts deſtoweniger be⸗ ruht die ganze Behauptung auf dem zwiefachen Irrthume, daß die heilige Schrift nicht durch ſich ſelbſt verſtändlich, ſondern dunkel und unklar ſei, und daß eine Anzahl ſichtbarer Glieder der Kirche ö oder gar ein einzelnes (der Pabſt), von denen man gar nicht wiſſen kann, ob ſie wirklich leben⸗ dige, wahre Glieder der Kirche ſind, bei ihren Be⸗ rathungen und Beſchließungen in Bezug auf Glaubensſachen von dem Heiligen Geiſte geleitet werden. — Wäre aber die heilige Schrift nicht für jeden, der ſie mit aufrichtigem Sinn und unter Anrufung des Heiligen Geiſtes lieſ't, hinreichend verſtändlich, um den Weg zur Seligkeit unzweifel⸗ haft gewiß aus ihr zu lernen, ſo hätte der Heilige Geiſt entweder nicht ſo verſtändlich und einfältig reden können oder reden wollen, als nöthig geweſen wäre, was beides Gottesläſterung wäre zu behaupten. Schon hieraus allein folgt, daß die Bibel durchaus keines oberrichterlichen Tri⸗ bunals bedarf, bei dem das richtige Verſtändniß ihrer Worte geſucht werden müßte; ſondern daß Chriſti Wort: Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darin, und ſie iſt es, die von mir zeuget, jeden Menſchen ver⸗ pflichtet, für ſeine Perſon aus der Quelle der hei⸗ ligen Schrift ſelbſt die göttliche Wahrheit zu ſchöpfen, weil er ſie darin finden kann. Damit iſt nicht geleugnet, daß in der Bibel Stellen vorkom⸗ men können, die nicht jedem, auch frommen, Leſer gleich verſtändlich ſind, ſondern es wird damit nur behauptet, daß die Bibel alles das, was dem Menſchen zur Seligkeit zu wiſſen und zu glauben nöthig iſt, durchaus klar und verſtändlich enthält. Demnach gilt alſo für die Auslegung fraglicher und ſchwieriger Stellen die einfache Regel, daß man ſie nach den übrigen klaren Worten der heiligen Schrift auslegt und keine Auslegung zuläßt, welche einem anderen klaren Worte widerſpricht, weil der Heilige Geiſt ſich nicht ſelbſt widerſprechen kann. Das nennt man nach der Regel des Glaubens auslegen, wie es Paulus mehrfach vorſchreibt. Dabei iſt es aber keineswegs unſere Meinung, als wenn jeder Einzelne in hochmüthiger Abgeſchloſſenheit und ohne Berückſichtigung des Zeugniſſes, welches ihm die Kirche von den Heilslehren entgegen⸗ bringt, ſich an die Betrachtung der Bibel machen ſollte, denn dann würde er gerade durch ſeinen Hochmuth die Erleuchtung des Heiligen Geiſtes verhindern, ſondern unſre Meinung iſt, daß ein Chriſt verpflichtet iſt, zunächſt die Heilslehren, welche ihm ſeine Kirche entgegenträgt, nach der heiligen Schrift zu prüfen und, wenn er ſie über⸗ einſtimmend mit derſelben findet, dabei zu ver⸗ harren und ſeinen Glauben darauf zu erbauen und alſo durch Gottes Gnade mit den Samari⸗ tanern Joh. 4, 42. zu ſprechen: Wir glauben nun fort nicht um deiner Rede willen; wir haben ſelbſt gehört und erkannt, daß dieſer iſt wahrlich Chriſtus, der Welt Heiland. Findet er aber nach angeſtellter ernſter, gewiſſenhafter und ſorgfältiger Prüfung, daß die Kirchengemeinſchaft, in welcher er auferzogen iſt, in irgend einem offenbaren Widerſpruche mit dem klaren Worte Gottes ſteht, ſo iſt er um ſeiner Seligkeit willen verpflichtet, dieſes ſeinen Glaubensgenoſſen anzuzeigen und, wenn ſie ſich nicht von ihm wollen weiſen laſſen, ſich der kirchlichen Gemeinſchaft anzuſchließen, in welcher er keine dem Worte Gottes wider⸗ ſprechende Lehre findet. — In dieſer Pflicht und dieſem Recht beſtehet das theure Kleinod der Ge⸗ wiſſens⸗ und Glaubens⸗Freiheit, welches aus Gottes Erbarmen der von Menſchenſatzungen ge⸗ knechteten Chriſtenheit durch die Reformation wie⸗ der geſchenkt iſt, und die kein gläubiger Luthera⸗ ner um der äußern Einheit der Kirche willen aufgeben kann und wird. Denn wohl wäre es ſchön, wenn die Kirche Chriſti auch äußerlich ein wohlgeordnetes Ganzes darſtellte, wie ſie eins iſt im Geiſte, wenn namentlich eine gewiſſe Gleich⸗ förmigkeit in den kirchlichen Handlungen und Ge⸗ bräuchen ſtattfände, aber fern ſei es von uns, dieſes irdiſche, entbehrliche Gut gegen das un⸗ entbehrliche der Glaubensfreiheit einzuhandeln, und den Gehorſam gegen das Wort Gottes mit Menſchenknechtſchaft zu vertauſchen. Hat Chri⸗ ſtus, unſer HErr, das Haupt der Kirche, in Knechtsgeſtalt gehen müſſen, warum ſollte es nicht auch ſeine Braut, die Kirche, thun, ſo lange Er es zu ihrer Läuterung geſchehen läßt? Hat aber Chriſtus in ſeiner Knechtsgeſtalt die Welt über⸗ wunden und den Satan gerade da unter ſeine Füße getreten und einen Triumph aus ihm ge⸗ macht, als der ſelbſtgerechte Phariſäer und der un⸗ gläubige Sadducäer, ſo wie alle menſchliche Ver⸗ nunft ſeine Sache für verloren achtete, warum ſollte nicht auch ſeine Kirche aus tiefſter Erniedri⸗ gung zum herrlichſten Siege geführt werden und den ſelbſtgerechten, in äußerlicher Pracht daher tretenden Papismus ſo gut als die Schwärmerei und den Unglauben aller Art überwinden? Ja, ſie ſpricht getroſt mit dem Apoſtel: Ich bin als die Gezüchtigte, aber doch nicht ertödtet (2 Cor. 6, 9.); und mit dem königlichen Sänger (Pſalm 71, 19. ff.): Gott, deine Gerechtigkeit iſt hoch, der du große Dinge thuſt. Gott, wer iſt dir gleich? denn du läſſeſt mich erfahren viele und große Angſt, und machſt mich wieder lebendig und holeſt mich wieder aus der Tiefe der Erde herauf. Du macheſt mich ſehr groß und kröneſt mich wieder und tröſteſt mich wieder u. ſ. w. Vergl. Pſalm 18, 31. ff. Pſalm 118, 18.