# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S197 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Editorielle Correspondenz. 197 Schule führt, auf dem neuen Wege neue Lehren findet, auf der angeblich dem alten Bau untergeschobenen festeren Basis einen Neubau sich erheben läßt und unter dem Titel eines streng confessionellen, aber fortentwickelten Lutherthums ein durch und durch ganz anderes Lehrsystem der alten Lutherskirche unterlegt. Ja, spricht man, wollt ihr denn das Formalprincip der lutherischen Kirche, daß die Schrift die einzige Regel und Richtschnur der Lehre und des Glaubens sei, verleugnen? Wir antworten: Das sei ferne! Allein so gewiß die Auslegung ein Charisma ist, das nicht jedem, viel weniger in gleichem Maaße, gegeben ist (Röm. 12, 6. 7. 1 Cor. 12, 30. vgl. V. 4. 10.), so gewiß heißt das nicht, den rechten Gebrauch von jenem Principe machen, wenn jeder alles aus der Schrift selbst finden, und die bereits von denen, welchen die Gabe der Schriftauslegung in hohem Grade verliehen war, gehobenen Schätze der Schriftlehre nicht als ein Schüler recipiren will. Wer das von der Kirche bereits durch Gottes Erleuchtung aus dem Schriftschacht Ausgegrabene sich nicht schenken lassen, sondern alles selbst durch sich daraus holen will, der wird wohl erfahren, ob Gott mit ihm die Geschichte der Kirche von vorne beginnt und ihm noch einmal die Gnadenheimsuchung der Reformationszeit gewährt, die er in einem Luther u. A. nicht achtete. Wohl stünde es traurig um uns, wenn wir die reine Lehre von Luther als von Luther empfangen hätten. Allein dem ist eben nicht so. Darin besteht gerade die unvergleichliche Gabe eines Luther und anderer hoher Rüstzeuge Gottes, daß sie nicht nur die biblische Wahrheit geben, sondern auch den, dem sie sie geben, zur Klarheit bringen, daß die gegebenen Wahrheiten biblisch sind. Die reine Lehre von unseren gläubigen Vätern recht recipiren, schließt daher das Schöpfen derselben aus dem Brunnen der Schrift nicht aus, sondern ein; und ob wir dieselbe so recipirt, oder ohne klare Erkenntniß, daß und wie sie aus den lauteren Brünnlein Israels geflossen ist, in uns aufgenommen haben, das mögen die beurtheilen, die die Zeugnisse unseres Glaubens gelesen haben. O wie freue ich mich daher, daß mir Gott die hohe Gnade geschenkt hat, in der Gemeinschaft unserer Synode stehen zu können! Dem HErrn zum Preis sei es von mir bekannt, ich sehe in ihr die Tage der Glaubenseinigkeit unserer Väter wiedergekehrt. Möge der gnädige und barmherzige Gott, dessen reines Gnadengeschenk diese Einigkeit ist, sie uns ferner erhalten. Möge Er uns treu machen, dieses kostbare Kleinod auch an unserem Theile zu bewahren. Möge Er, wie Er uns innig einig gemacht hat mit unseren bereits im Grabe ruhenden Vätern, auch immer mehr einig machen mit unseren neben uns lebenden und kämpfenden Brüdern. Möge Er uns durch unsere Einigkeit immer stärker und fruchtbarer machen. Möge Er, und das ist heute mein Schlußwunsch, mir helfen, daß ich bald wieder neu gestärkt in den Kreis meiner Brüder trete und den Segen, den ich darin bisher genossen, noch ferner genieße bis zum Tage meines Todes, wo ich durch Christum einzutreten hoffe in die selige Gemeinschaft der triumphirenden Kirche. Amen. In dem HErrn Ihr C. F. W. Walther.