# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1904_S189 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich-Zeitgeſchichtliches. 189 zig planen einen ſolchen. Acht ſelbſtändige Pfarrgemeinden ſind dieſes Jahr neu errichtet, und in dreißig Orten iſt ſeit Jahrhunderten wieder der erſte evangeliſche Gottesdienſt gehalten worden. Seit Beginn der Bewegung ſind bis jetzt 40,000 Uebertritte erfolgt, nahezu 90 Paſtoren und Vicare ſind angeſtellt und über 60 Kirchen ſind errichtet worden. Einen Artikel über Denifles unfläthige und verlogene Schrift wider Luther beſchließt die „Chriſtliche Welt“ alſo: „Ein katholiſcher Kritiker hat Denifle ſeines Buches wegen lobend neben die katholiſchen wiſſenſchaftlichen Größen Möhler, Döl⸗ linger und Janſſen geſtellt. Möhler möchten wir ausnehmen, er iſt für dieſe Geſell⸗ ſchaft zu gut, aber Janſſen und Döllinger — natürlich nur den Verfaſſer der „Refor⸗ mation“ — laſſen wir gelten. Aber wir wollen dann nicht vergeſſen, auch Denifle einzubeziehen in das Urtheil des Malers Wilhelm Kaulbach über Döllingers „Refor⸗ mation“. Als Guido Görres ſeinen Freund Kaulbach nach dem Eindruck des Döl— lingerſchen Buches auf ihn fragte, erwiderte der Künſtler, er habe nach ſeiner Weiſe ſeine Gedanken darüber zu Papier gebracht. Damit gab er Görres eine kleine Zeich⸗ nung; auf ihr waren Luther, Zwingli und Calvin gemeinſam auf einem Pferde rei⸗ tend dargeſtellt, Döllinger aber lief mit dem Hute hinterher, um aufzufangen — was das Pferd fallen ließ.“ Was der Reformkatholicismus in Deutſchland eigentlich will, ſagt der Führer desſelben, Dr. Joſef Müller, in der „Renaiſſance“, dem Organ dieſer Reformer. Er ſchreibt: „Natürlich handelt es ſich bei einem „Reformkatholicismus“ nicht um Aen⸗ derung der dogmatiſchen Grundlagen des katholiſchen Glaubens. Auch die mit den Dogmen in logiſcher Beziehung ſtehenden Thaten und Theorien philoſophiſchen und hiſtoriſchen Charakters können nicht angetaſtet werden. Wohl aber darf ein erweiter⸗ ter Geſichtskreis ſowohl nach der altkirchlichen als der moderneulturellen Seite für den gebildeten Katholiken, vor allem den Theologen, als dringend nothwendig er⸗ achtet werden. Dazu gehört vor allem eine gründliche hiſtoriſche Schulung. Es genügt für ein Verſtändniß des Glaubensinhaltes durchaus nicht, wenn nur die geltenden Dogmen, das geltende Recht in einem abſtracten Schema dargelegt und ſpeculativ erörtert werden; es muß unbedingt der hiſtoriſche Entwickelungsgang pragmatiſch erörtert, in ſeinem Verhältniß zu umgebenden, helfenden wie feindlichen, Tendenzen eingehend geſchildert und religionsgeſchichtlich verarbeitet werden. Mate⸗ riell muß das Wiſſensgebiet durch Aufnahme berechtigter Gedanken aus Vergangen⸗ heit und Gegenwart in allen Disciplinen der Theologie und Philoſophie erweitert und erhöht werden; beſonders nöthig iſt das Eingehen und die Auseinanderſetzung mit der modernen Erkenntnißtheorie, Pſychologie und Naturwiſſenſchaft, ſowie die gründliche Kenntniß der Moral⸗ und Religionsphiloſophie und der neueren Methoden. In der Moraltheologie iſt die Caſuiſtik zu Gunſten der Principienlehre zu beſchränken, der Probabilismus zu verurtheilen und gegenüber einer zu äußerlichen und juriſti⸗ ſchen Auffaſſung auf höheren Ernſt und ſtrengere Haltung nach dem Geiſt der Bibel und der großen Kirchenlehrer und Heiligen zu achten. Die Kanoniſtik (Behandlung des Kirchenrechts) halte ſich fern von extremen und das moderne Gewiſſen verletzen⸗ den Theorien über Ketzertödtung, Kirchenallmacht, die nicht nur in das ſtaatliche Gebiet eingreift, ſondern die Staatsgewalt zu einer bloßen Domäne der kirchlichen herabwürdigt, über Revolutionsberechtigung und Aehnliches. Das Bibelverſtändniß muß auch beim Volke durch Vorträge und Empfehlung handlicher Ausgaben gefördert und der Pflege des Gemüthslebens nach dem Vorbild der großen Myſtiker beſſere Aufmerkſamkeit geſchenkt werden. Ueberhaupt muß in dem Verkehr zwiſchen höherem und niederem Clerus, Clerus und Volk, der Geiſt gewinnender Liebe und Brüder⸗ lichkeit an Stelle des autoritativen Bewußtſeins und rein befehlshaberiſchen Stand⸗