# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1904_S188 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 188 Kirchlich⸗Zeitgeſchichtliches. des Evangeliſchen Bundes hat neulich den bekannten Jenenſer Ernſt Häckel als den Schutzheiligen im Kampfe gegen den Ultramontanismus gefeiert. Bei der vom Giordano⸗Bruno⸗Bund veranſtalteten Ernſt⸗Oäckel⸗Feier hielt nämlich Hoensbroech die Feſtrede, in welcher er ſagte: Er ſtehe im Gegenſatz zu Häckel auf dem Boden chriſtlicher Weltanſchauung und chriſtlicher Naturbetrachtung. Wenn er trotzdem als Feſtredner zur Häckelfeier auftrete, ſo koönne er es thun, weil er aus den Feierklängen, die ihn umgeben, den Grundton heraushöre, der die Feſtesſtimmung trage, der in uns allen Widerhall wecke, den dröhnenden Dur⸗Klang der Geiſtesfreiheit. Der Jenenſer Naturforſcher und Naturphiloſoph ſei ein Mann der Geiſtesfreiheit, die ihm Lebenselement, Lebenslicht und Lebensluft ſei, für die er gekämpft habe im heißen Bemühen, um ſie dem Culturleben unſers Volkes zu erhalten, da er erkannt habe, daß nur die Geiſtesfreiheit den Aufſtieg ermögliche zu höheren Culturſtufen, daß nur ſie das Mittel und den Weg bilde, das voll zu befriedigen, und uns allen ge⸗ meinſam ſei, den Drang nach Erkenntniß, nach Wahrheit. Wir lebten in einer Zeit, die den Stempel der Geiſtesknechtung trage, in der förmlich geordnete Schlachtheere zum Kampf gegen die Geiſtesfreiheit anrückten. Der ärgſte Feind dieſer Geiſtesfrei⸗ heit ſei Rom, das päbſtliche Rom, der Ultramontanismus. Auch Häckel, der Mann der Geiſtesfreiheit und Geiſtesthat, habe gegen den Ultramontanismus angekämpft. Die beſte Feier dieſes großen Geiſtes ſei die, wenn jeder nach ſeinem Theile darnach ſtrebe, es ihm im Ringen nach der Wahrheit gleichzuthun.“ F. B. Worin Dr. Seeberg von Berlin ſeine Aufgabe als Theologe erblickt, das ſagt er in der „Reformation“ vom 3. April. Er ſchreibt: „In jedem Zeitalter empfangen die Söhne das Erbe ihrer Väter, aber auch ihrer Großväter. Das doppelte Erbe kann zuſammenſtimmen und eine kräftige Einheit bilden. Die dritte Generation wird dann in der Regel von ſeiner Einſeitigkeit“ reden und den dunkeln Trieb empfin⸗ den, darüber hinauszukommen. Aber dieſes Doppelerbe kann auch in ſcharfem Gegen⸗ ſatz zu einander ſtehen. Die zweite Generation freute ſich dieſes Gegenſatzes, ſie hatte ihn ſelbſt herausgearbeitet, er war ihre Kraft und ihr Stolz. Die dritte Gene⸗ ration überkommt dieſen Gegenſatz, und unwillkürlich entſteht der Verſuch, was man als Sohn und was man als Enkel ererbt, innerlich mit einander auszugleichen. Man hat ja beides in ſich, warum ſollte es nicht zu einander paſſen? So wie es die Groß⸗ väter gewollt, geht es nicht, dafür iſt man Sohn der Väter. Aber die Väter haben doch eine Stellung eingenommen, die den Gegenſatz zu den Großvätern übertrieb; man fühlt, daß auch dieſe recht hatten. Man geht vom Erbe der Väter aus, denn man iſt in ihm erzogen, aber man verſucht das Erbe der Großväter in jenes hinein⸗ zuziehen, denn man beſitzt es noch. Man will beides haben, wirklich und innerlich haben.“ — Das Erbe der Väter und der Großväter zu vermitteln, iſt den Enkeln von Gott nicht befohlen, wohl aber, den Glauben zu bewahren, der ein für allemal in der heiligen Schrift den Heiligen vorgegeben iſt. Das Erbe der Väter und Großväter ſollen und dürfen wir nur feſthalten, wenn wir uns überzeugt haben, daß das, was ſie uns hinterlaſſen haben, wirklich Schriftwahrheiten ſind, wie das beim lutheriſchen Bekenntniß der Fall iſt. Die Theologie iſt keine Großväter⸗, Väter⸗ und Enkel⸗ Theologie, ſondern Schrifttheologie. F. B. Die evangeliſche Bewegung in Oeſterreich hat auch im letzten Jahre Fortſchritte gemacht. Im erſten Halbjahr 1903 ſind nach den amtlichen Angaben wieder 2334 Perſonen von der katholiſchen zur evangeliſchen Kirche übergetreten, das heißt, 449 mehr als im vorhergehenden Halbjahr. Man darf alſo annehmen, daß es für das ganze Jahr nahezu 5000 ſein werden. Neun evangeliſche Kirchen und ein Bet⸗ ſaal ſind im vorigen Jahre geweiht worden, zehn Kirchen ſind mitten im Bau be⸗ griffen, fünf Gemeinden haben im vorigen Jahr mit dem Bau begonnen, etwa vier⸗