# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1904_S186 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 186 Kirchlich-Zeitgeſchichtliches. Chriſten hat, wie wir wiſſen, beſonders dies einen großen Eindruck gemacht, daß im Alten Teſtament ein ganzes Syſtem von gotteingegebenen Weiſſagungen ent⸗ halten ſei, die im Neuen Teſtament wörtlich ihre Erfüllung gefunden hätten: eine wunderbare Uebereinſtimmung, die ſich nur aus dem Walten Gottes verſtehen laſſe, und wodurch ſich alter und neuer Bund gegenſeitig als Wahrheit beglaubigten. Die Theologen vieler Generationen haben, noch bis in die jüngſte Vergangenheit hinein, dieſer, zuletzt ⸗heilsgeſchichtlicht genannten Betrachtung gehuldigt. Aber ſeit dem Erwachen der modernen Wiſſenſchaft von der Bibel iſt die hiſtoriſch-kri⸗ tiſche“ Forſchung bemüht geweſen, die Unhaltbarkeit dieſer Betrachtung zu zeigen: wir haben gelernt, daß jener Auffaſſung vielfach eine allegoriſche Erklärung zu. Grunde liegt, die wir mitzumachen uns weigern; und es widerſtrebt einem auf das Große gerichteten Sinn, auf das Zuſammentreffen von geringfügigen Einzelheiten in beiden Teſtamenten überhaupt beſonderen Werth zu legen. So iſt, wenn auch langſam und zaghaft, neben dieſe ältere Betrachtung eine moderne, religionsgeſchicht⸗ liche getreten, wonach die Hoffnung der Propheten und Pſalmiſten als eine ſelb⸗ ſtändige Größe in der Geſchichte der Religion Iſraels gewürdigt werden ſoll: es gilt, die Hoffnungsbilder aufzufaſſen, die Motive pſychologiſch zu durchdringen, den Gang der ganzen Bewegung darzuſtellen. Die alte Betrachtung erſcheint uns, mit aller Pietät ſei es geſagt, doch nur als ein geiſtreiches und frommes Spiel, unter⸗ nommen mit den Mitteln einer vergangenen Wiſſenſchaft; das gegenwärtige Be⸗ ſtreben aber, die Dinge geſchichtlich zu erfaſſen und pſychologiſch zu verſtehen, iſt eine des modernen Forſchers würdige, ernſthafte, wiſſenſchaftliche Arbeit.“ Ferner: „Man pflegt dieſe Hoffnung die „‚meſſianiſche“ zu nennen; ſehr mit Unrecht, denn der Meſſias hat darin keineswegs centrale Bedeutung. Zwar hören wir auch in den Pſalmen gelegentlich von einem Könige auf Zion, dem Jahve den Ehrennamen ſeines Sohnes gibt und dem er die Weltherrſchaft verleiht; für gewöhnlich aber reden die Pſalmen nicht von einem ſolchen menſchlichen Könige, ſondern verkünden das Königthum Jahves ſelber. Auch in den Propheten können wir zwei Richtungen unterſcheiden, von denen die eine vom „Meſſias“ überhaupt nicht redet, während die andere zwar von ihm ſpricht, ohne daß aber auch hier der „Meſſias“ diejenige centrale Stelle hätte, die der Chriſtus im Neuen Teſtamente einnimmt. Es wäre daher wünſchens⸗ werth, wenn der Ausdruck „meſſianiſche Hoffnung“ als irreführend überhaupt aus dem Sprachgebrauch der Theologen verſchwände.“ — Wenn die Liberalen von „hiſto⸗ riſcher“ Auslegung reden, ſo verſtehen ſie darunter jedesmal „evolutioniſtiſche“, „naturaliſtiſche“ Auslegung. Sie gehen von dem Dogma aus: Göttliche Eingriffe in den Lauf der Welt gibt es nicht. Und ihre Schrifterklärung vollzieht ſich nach der Maxime: In der Bibel muß alles getilgt werden, was ſich nicht erklären und ab⸗ leiten läßt aus natürlichen Urſachen. Es wäre darum Inconſequenz, wenn dieſe Dogmatiſten wirkliche Wunder und Weiſſagungen ſtehen laſſen wollten. F. B. „Der deutſch⸗evangeliſche Kirchenausſchuß tagte“ — wie die „A. C. L. K.“ be⸗ richtet — „am 18. und 19. Februar in Dresden. Am erſten Tage wählte der Aus⸗ ſchuß zum Vorſitzenden den Präſidenten des Evangeliſchen Oberkirchenraths Voigts in Berlin und zu ſeinem Stellvertreter Oberconſiſtorialrath Dr. v. Kelber in Mün⸗ chen, und zwar beide einſtimmig durch Zurufe. Ueber die Frage der kirchlichen Ver⸗ ſorgung der Diaſpora fand nach Erſtattung eines eingehenden Berichtes durch den Vicepräſidenten Freiherrn von der Goltz eine mehrſtündige Berathung ſtatt, die ins⸗ beſondere auch zur Bildung von Commiſſionen führte. Der Ausſchuß war darin einſtimmig, daß in der Aufhebung des §2 des Jeſuitengeſetzes und in der Annahme des Toleranzantrages eine drohende Gefahr für die evangeliſche Kirche und ihre In⸗ tereſſen zu erblicken ſei, und ermächtigte ſeinen Vorſitzenden, gegebenen Falls die ge⸗