# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1860_S196 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 196 Editorielle Correspondenz. unwesentlichen Puncten, das ist, in Dingen, über welche Gottes Wort nicht klar oder gar nicht entscheidet, hingegen ist uns alles wesentlich, was uns Gott in seinem Worte zur Erweckung, Bewahrung und Stärkung des seligmachenden Glaubens geoffenbart hat. Davon, was einmal den Heiligen vorgegeben ist, lassen wir uns nichts abdingen. Wir halten uns von Herzen an den bekannten Grundsatz: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas (im Nothwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in Allem Liebe), allein nicht in dem Sinne des Unionismus, der selbst die Lehre von den Gnadenmitteln zu dem Zweifelhaften rechnet, sondern in dem Sinne, daß wir einen jeden bei seiner Privatmeinung in Dingen, die Gottes Wort nicht zuwider sind, gern belassen und keiner mit seinem Gewissen über das des andern zu herrschen sich unterfangen will. Einigkeit in Form und Methode der Lehre ist so wenig das Ziel unserer Bestrebungen, daß wir uns vielmehr über die Mannigfaltigkeit der Geistesgaben, die hier einen weiten Spielraum zu ihrer Entfaltung haben, von Herzen freuen. Ceremonielle Einigkeit bedingt unser Zusammengehen nur insofern, als dieselbe die Bekenntnißceremonieen unserer Kirche betrifft, und Einigkeit in der Praxis hat uns nur soweit allerdings einen hohen Werth, als davon die ungehinderte Erbauung der Kirche auf gemeinsamen Grunde abhängt und die Treue im Bekenntniß dieselbe erfordert. So einig wir nun unter uns sind, so ist doch unsere Einigkeit so wenig eine sectirerische, daß uns vielmehr eine innige Sehnsucht nach Einigkeit mit allen andern kirchlichen Gemeinschaften beseelt und belebt, und je weniger die Einigkeit unter uns eine kalte abstracte, sondern vielmehr eine Einigkeit des Geistes durch das Band des Friedens, eine Einigkeit der Gemüther und herzlicher Liebe ist, um so mehr dringt es uns nach Einigkeit mit allen Christen, insonderheit mit denen, die dieselbe Fahne des Bekenntnisses, wie wir, vor sich hertragen, zu jagen. Wir haben darin bereits durch Gottes Gnade und Trieb so viel Fleiß gethan, daß wir deswegen die Schmach tragen müssen, von falschen Brüdern den Vorwurf zu hören, daß wir „Eroberungsgelüste“ in unserem Busen trügen. Nicht selten und namentlich in Deutschland wird uns der Vorwurf gemacht, unsere Einigkeit sei eine todte, unfruchtbare, eine Einigkeit der Stagnation, anstatt lebendiger Bewegung, weil eine Einigkeit der Repristination und nicht der Reproduction. Man begehrt von uns, daß wir die reine Lehre nicht von unsern Vätern lernen und aufnehmen, sondern frei und unabhängig aus der Schrift wieder heraus erzeugen, so zu sagen, das zweite Mal erfinden. Dann, meint man, werde unsere Gemeinschaft erst ein grüner fruchtbarer Zweig am Baume der allgemeinen Kirche werden und dieselbe mit Hoffnung auf uns blicken können, dann würden wir auch zu dem alten Schatze Neues hinzuthun. Außerdem stehe uns Verdorrung und spurloses Verschwinden bevor. Aber sehen wir doch hin auf die, welche in unserer Zeit die alte reine Lehre nicht repristiniren, sondern reproduciren wollen, so werden wir mit Schrecken sehen, wie die angebliche Reproduction darin besteht, daß man die rechtgläubige Kirche allenthalben corrigirt, die Väter zur