# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1904_S175 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 175 Ein Redner verstieg sich so weit, daß er erklärte, daß auch solche sonnenklare Stellen, wie Joh. 3, 16., erst aus andern Stellen ihr volles Licht empfingen. Aus Joh. 3, 16. für sich allein könne man nicht erkennen, was das für eine Welt sei, die Gott geliebt habe, nämlich eine sündige Welt; Joh. 3, 16. sage nichts aus über die Menschwerdung des Sohnes Gottes und das Wesen der Erlösung; aus Joh. 3, 16. lasse sich nicht bestimmen, was der Glaube sei, ob eine christliche Tugend oder das Ergreifen des Verdienstes Christi. Das alles werde erst klar, wenn man andere Schriftstellen und das Schriftganze mit hinzunehme. Ein anderer Redner, ein alter Gegner der Synodalconferenz, zog auch die Lehre von der Bekehrung mit in die Discussion hinein, indem er in optima forma seinen Synergismus bekannte und nach Weise der neueren Theologen ausführte, durch Gottes Gnade werde zunächst in Allen, die das Evangelium hören, die verlorene Wahlfreiheit wieder hergestellt, und dann könne der Mensch, also der natürliche, noch unbekehrte Mensch, diese Freiheit nach beiden Seiten gebrauchen und nach eigenem freien Ermessen zwischen Tod und Leben wählen, darüber entscheiden, ob er sich helfen lassen wolle oder Gottes Hülfe zurückweisen. Was die Vertreter der Synodalconferenz über die obschwebende Frage äußerten, läßt sich etwa in folgende Summa zusammenfassen: Was man Analogie des Glaubens nennt oder die norma docendi, das ist die scriptura clara oder, wie es in der Apologie heißt, scripturae clarae et perspicuae, die Summe der klaren deutlichen Schriftstellen. Die einzelnen Glaubensartikel und Lehrsätze schöpfen wir, und zwar ausschließlich, aus denjenigen klaren Schriftaussagen, die von eben der Sache handeln, welche den Inhalt des betreffenden Glaubensartikels bildet, den sedes doctrinae. Die Lehre von der Gnadenwahl z. B. nehmen wir aus den Schriftstellen, die von der ewigen Wahl und Verordnung Gottes reden, und zwar nehmen wir alle diese Schriftstellen zusammen, damit wir den rechten Begriff von der Wahl bekommen, nehmen aber keine andere Bibelstelle hinzu, keine Bibelstelle, die nicht von der Wahl handelt, damit wir den Schriftbegriff von der Wahl nicht verwischen, verdunkeln und verkehren. Zwar besteht zwischen allen Schriftlehren ein Zusammenhang, es widerspricht nicht eine der andern. Und darum ist jede Lehraussage falsch, die mit irgend einem klaren Schriftwort in contradictorischem Widerspruch steht. Indeß können wir jenen Zusammenhang nur so weit erkennen, als ihn die Schrift selbst ausdrücklich aufzeigt. Und das ist in sehr geringem Maße der Fall. Für unsere jeweilige Erkenntniß gilt der Canon: „Wir erkennen es stückweise“, ἐκ μέρους γινώσκομεν. 1 Cor. 13, 9. Und darum können und sollen wir die verschiedenen Lehren der Schrift, wie z. B. die Lehre von dem allgemeinen Gnadenwillen und die Lehre von der Gnadenwahl, nicht mit unserer Vernunft, weder mit der natürlichen, noch mit der erleuchteten Vernunft, zusammenreimen. Aus den allen Christen wohl bekannten Grundlehren von dem allgemeinen Heilswillen, von der allgemeinen Erlösung sehen wir sofort, daß die calvinistische Prädestinationslehre verkehrt ist. Doch eben diese Grundlehren geben uns nicht das geringste Licht darüber, wie es sich in Wirklichkeit mit der Prädestination verhält. Der Fundamentalartikel von der Rechtfertigung aus dem Glauben sagt uns kein Wort, keine Silbe über die Stellung des Glaubens in der Wahl, ob wir in Ansehung des Glaubens oder zum Glauben erwählt sind. Das lernen wir lediglich aus den Schriftstellen, die von der Wahl handeln. Es finden sich wohl in der Schriftlehre von der Wahl Ausdrücke und Begriffe, die uns auch in andern Lehrartikeln begegnen, wie „in Christo“, „aus Gnaden“. Aber was die Lehre von der Wahl ausmacht, das Wesen dieser Lehre erkennen wir nur aus den sedes doctrinae de electione. Man kann sich im Grund nichts dabei denken, wenn man sagt, daß jede Lehre nicht nur nach den sedes doctrinae, sondern auch und vor Allem nach dem Schriftganzen, nach dem Lehrganzen, nach dem Zusammenhang