# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1904_S174 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 174 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. Sie mich es Ihnen aussprechen, daß ich außer der Gnade Gottes keinen einzigen Grund weiß, weshalb ich nicht hier an seiner Stelle liege!““ Wäre Boerhave ein Synergist gewesen, so hätte er etwa seinen Studenten erklären müssen: Hier sieht man, wie kleine Ursachen große Wirkungen haben können. Dieser Missethäter, dessen Leiche wir jetzt seciren, und ich haben dieselbe Gnade Gottes genossen. Und daß ich jetzt nicht an seiner Stelle liege, verdanke ich einzig und allein einem ganz geringen Umstande, den man eher ein negativum als ein positivum quid nennen könnte, dem nämlich, daß ich nicht, wie dieser da, der Gnade Gottes muthwillig widerstrebt habe. Diese aliqua actio dissimilis ist der letzte Grund, warum ich jetzt der „geehrte Boerhave“ bin, während dieser da ein hingerichteter Missethäter ist. F. B. Die Freie Conferenz in Detroit. Bei der freien Conferenz, welche im September vorigen Jahres von Gliedern verschiedener Synoden lutherischen Namens in Milwaukee abgehalten wurde, hatte sich, als über die Schriftlehre von der Gnadenwahl verhandelt wurde, ein Dissensus über das Princip der Schriftauslegung, über Wesen und Bedeutung der sogenannten analogia fidei herausgestellt und es war vereinbart worden, auf der nächsten Conferenz zunächst über diese Differenz weiter zu reden. Das ist nun geschehen. Die dritte dieser freien Conferenzen hat vom 6. bis 8. April in Detroit getagt. Ein in Milwaukee ernanntes Committee hatte inzwischen im December v. J. in Chicago und dann am 5. April in Detroit Berathungen gepflogen, ohne Einigung zu erzielen, und machte jetzt dem Plenum der Conferenz den Vorschlag, die zwei Fragen zu besprechen: 1. Was ist die Analogie des Glaubens? 2. Wie ist diese Analogie des Glaubens zu gebrauchen? Hieran knüpfte sich die folgende zweitägige Disputation. Es handelte sich da also um die Grundsätze der Schriftauslegung, überhaupt um den Gebrauch der Schrift als norma docendi. Wir können die Lehrstellung beider Parteien, wie sie in verschiedenen und auch ziemlich langen Reden kundgegeben wurde, hier nur in etlichen kurzen Sätzen skizziren. Die Vertreter der Ohio⸗ und Jowa⸗Synode führten etwa Folgendes aus: Die heilige Schrift ist die einzige Quelle der christlichen Lehre. Die einzelnen Glaubensartikel sind aus den klaren Schriftstellen, die von der betreffenden Materie handeln, als den eigentlichen Sitzen der Lehre zu entnehmen. Doch bilden die christlichen Lehren ein für den Christen, namentlich den Theologen erkennbares harmonisches Ganze oder System. Dieses Ganze ist aus den vollkommen klaren Stellen der Schrift zusammengesetzt. Und dieses organische Ganze steht als höchste Norm der Schriftauslegung, überhaupt der Lehre noch über dem Parallelismus oder der Vergleichung der von derselben Lehre handelnden Schriftstellen, mit andern Worten, es bildet die Analogie des Glaubens, nach welcher jede Schriftauslegung und Lehre bemessen werden muß. Insonderheit wenn in den sonst klaren Parallelstellen, die von einer bestimmten Lehre handeln, sich Ausdrücke oder Sätze finden, welche verschieden gedeutet werden können oder factisch verschieden gedeutet werden, so muß diese höchste Norm entscheiden, welches die rechte Deutung sei. Nur dann ist eine Schriftauslegung, eine Lehraussage richtig, wenn sie mit dem Lehrganzen des Evangeliums, sonderlich mit den Grundlehren desselben, die jedem Christen wohl bekannt sind, in Einklang steht. Aus den Schriftstellen z. B., die von der Gnadenwahl sagen, kann nicht mit voller Evidenz erwiesen werden, welches das Verhältniß des Glaubens zu der ewigen Wahl Gottes sei. So muß man hier das Lehrganze zu Hülfe nehmen und sonderlich die Grundlehren der Schrift, wie die vom allgemeinen Heilswillen, von der Rechtfertigung aus dem Glauben zu Rath ziehen und zusehen, welche Stellung da der Glaube einnimmt. Daraus ergibt sich, daß Gott uns um des im Glauben ergriffenen Verdienstes Christi willen, oder, kurz gesagt, in Ansehung des Glaubens erwählt hat.