# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1904_S173 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich-Zeitgeſchichtliches. 173 handen wären, daß es den Anſchein gewinnt, als wäre wirklich die Schrift nur ein Unterbau, dem ohne die ſyſtematiſche Theologie ein ſtattlicher Oberbau fehlte. Es kann wohl die vorangegangene Erwähnung und Beurtheilung verſchiedener von unſern Dogmatikern vorgeführten Begründungen der Nothwendigkeit der gelehrten, ſyſtematiſchen Theologie berechtigen, vielen heutigen Theologen zuzurufen: Seid nüchtern! Schon vor bald vierzig Jahren beklagt es Dr. Walther, wie der wahre bibliſche Begriff von der Theologie, daß ſie eben ein von Gott gegebener Habitus ſei, faſt gänzlich verloren gegangen ſei. Es iſt heut in noch höherem Grade ſo. Von dem Geſchrei: Syſtem und Wiſſenſchaft! hallt die kirchliche Welt wieder. Und immer mehr hört man mit Erſtaunen, welch eine über alles Maß gehende Wichtig⸗ keit und Leiſtungsfähigkeit ſich heutige Theologen beilegen. Es iſt noch ein be⸗ ſcheidenes theologiſches Bewußtſein bei denen, welche es für ihre Aufgabe halten, erſt recht das angeblich in der Schrift verborgene Syſtem herauszubringen; denn andere wollen überhaupt erſt Syſtem hinein bringen, da höchſtens Anſätze zu einer ſyſtematiſchen Theologie in der Schrift enthalten ſeien, gar nicht zu reden von denen, welche erſt dem Chriſtenthum, ja, ſelbſt der Schrift zur rechten Gewißheit helfen wollen. Die Wiſſenſchaft, die Theologie als Wiſſenſchaft, als Geiſteswiſſenſchaft, erbietet ſich als die Retterin der Kirche. In den Kämpfen der Kirche hilft, wie ſie ſich vernehmen läßt, nicht das einfache Stehen zu der Schrift als dem eingegebenen Worte Gottes und damit zugleich das Ergreifen der einigen Waffe, die mächtig iſt, die Kirche gegen alle Anläufe zu ſichern. Nein! Die Theologie als Wiſſenſchaft iſt die Retterin. Sie iſt im Beſitz der Kunſt, die es etwa noch vermag, eine Ausgleichung und Vermittelung für die Kirche mit den von außen gegen ihren Glauben auftreten⸗ den Gegenſätzen zu ſchaffen und vornehmlich auch nach innen zwiſchen den verſchie⸗ denen Schriftausſagen zur Befriedigung des Glaubensverſtändniſſes zu vermitteln, damit demſelben nicht etwas aufgebürdet werde, was er nicht tragen kann.“ Im zweiten Theil dieſes Artikels wird dann inſonderheit betont, daß Gott die Theologie gibt „durchs Wort und durch Erleuchtung des Geiſtes aus dem Wort und aus dem Worte allein“. „Und darin“ — ſo heißt es S. 13 f. weiter — „liegen folgende For⸗ derungen Gottes für die Theologie, ſpeciell für die ſyſtematiſche, um welche es ſich uns beſonders handelt: Daß alle Glaubensartikel nach der Schrift aufgeführt wer⸗ den. . .. Daß jeder Artikel aus den Sprüchen, die von ihm handeln, aus den sedes classicae genommen werde. . .. Der Glaubensartikel muß ganz, ſo, wie er in den Lehrſtellen (sedes) vorgelegt iſt, aufgenommen werden. . .. Ein Glaubens⸗ artikel muß aus ſeinen Lehrſtellen in der rechten Begrenzung genommen wer⸗ den. . .. Ein Glaubensartikel muß in der Stellung der Glieder, die zu ihm gehören, ganz genau ſo aufgeſtellt werden, wie ſeine Lehrſtellen es deutlich geben. . .. Ein Glaubensartikel muß in der Beſtimmtheit, wie ihn ſeine Lehr⸗ ſtellen geben, gefaßt und ſcharf gegen andere abgegrenzt werden.“ — Aus dem Ge⸗ ſagten geht zur Genüge hervor, daß die „Theologiſche Quartalſchrift“ ebenſo klar und geſchickt als beſtimmt und energiſch eintritt für die wahrhaft chriſtliche und lutheriſche Theologie. Solche Blätter aber ſind rar im Lande und können darum nicht hoch genug geſchätzt und freudig genug begrüßt werden. F. B. Cur alii prae aliis? Das „Kirchenblatt“ der Jowa-Synode ſchreibt vom 2. April: „Als der berühmte holländiſche Arzt Boerhave eines Tages in der Ana⸗ tomie vor ſeinen Studenten die Leiche eines hingerichteten Miſſethäters öffnen wollte, wurde er plötzlich bleich und begann zu zittern. Die Studenten ſahen ihn fragend an, denn ſie wußten nur zu gut, daß ihr Profeſſor nicht übertrieben weich war. „O, meine Herren“, ſagte Boerhave hierauf, „mit dieſem Manne habe ich meine Jugend zugebracht. Nun bin ich der geehrte Boerhave, und er liegt hier. Laſſen