# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1860_S184 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 184 Zur Begründung einer neuen Physiko⸗Theologie. oberflächlich, nach ihren strengeren Forschungen, wie in den Hand⸗ und Lehrbüchern und den populären Schriften, verfolgt hat, wird sich haben überzeugen müssen, daß von Jahr zu Jahr ihre Ablösung von aller Beziehung zu einem göttlichen Schöpfer größer geworden ist. Bei den Franzosen ist diese Erscheinung noch älter und allgemeiner. Es gilt fast als unschicklich, in einem naturwissenschaftlichen Werke nur von einem Schöpfer zu sprechen, und auch in England, wo diese Betrachtungsweise noch einen viel festeren Boden hat und das Wort Creator in den strengwissenschaftlichen Werken immer noch vielfach vernommen wird, stellt sich an die Stelle des lebendigen Gottes, als des Schöpfers aller Dinge, eine natura naturans. Es ist die Deutsche Naturphilosophie, welche zuerst bei uns eine Sprache und Betrachtungsweise mißliebig gemacht hat, wozu allerdings vielfach die Trivialität der physiko⸗theologischen Literatur zu Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts das ihrige beitrug. Der Schreiber dieses Aufsatzes erinnert sich auch aus seiner Jugend, wie wenig Erbauung er aus dem Confirmanden⸗Unterricht heimtrug, wenn ihm der Geistliche, statt eine feste Grundlage in den Lehren des Heils zu geben, die Weisheit Gottes aus der Bitterkeit des Ohrenschmalzes, welches fremde Thiere in die Ohren zu kriechen verhindere, demonstrirte. Aehnliche Erfahrungen mögen Schelling bestimmt haben, in seinen Vorlesungen über das academische Studium, dem Naturforscher zuzurufen: „Am wenigsten wolle er, indem er die Weisheit und Vernunft Gottes zu bewundern meint, seine eigene Unvernunft und Unweisheit zu erkennen geben.“ *) Die großen Naturforscher im 15. und 16. Jahrhundert, Copernicus, Kepler, Galilei, Newton, welche die Gesetze der kosmischen Bewegungen entdeckten, zeigen sich in ihren unsterblichen Werken stets erfüllt von göttlichen Gedanken, und wenn sie von Naturgesetzen sprechen, so reden sie auch immer von dem göttlichen Gesetzgeber. Die moderne Naturforschung hat sich so ausschließlich vertieft in das Detail der Erscheinungen und deren Causalitätsverhältnisse, daß sie die letzten Ursachen entweder als unerforschbar gänzlich aus dem Gebiete der Naturforschung verweist, was noch zugegeben werden könnte, oder daß sie einen gesetzgeberischen Ursprung der Naturerscheinungen und einen göttlichen Schöpfer förmlich leugnet. Diese Anschauungsweise hat dann weiteren Einfluß gehabt auf das gesammte Gebiet der Seelenerscheinungen, der geistigen Kräfte, welche man alle immer mehr als Resultanten materieller Stoffbewegungen betrachtet. Eine weitere Consequenz dieser Anschauungsweise war die Leugnung aller moralischen Freiheit, woraus denn das ganze Gebäude — wenn wir einen Trümmerhaufen so nennen dürfen — des modernen naturwissenschaftlichen Materialismus emporwuchs, welcher dem naturphilosophischen Pantheismus vom Anfange dieses Jahrhunderts folgte. Die Naturforscher, insbesondere die Deutschen, gehören heutiges Tages zu 9 Zehntheilen, ja vielleicht zu 99 Hunderttheilen, mehr oder weniger der pantheistischen oder materialistischen Richtung zu und unter⸗ *) A. a. O. Tübingen 1803, S. 301.