# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 10 13_S30 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Prophetiſcher Traum des Kurfürſten Friedrich des Weiſen von Sachſen von der Reformation. (Aus einer Original-Handſchrift.) Der ehrwürdige Herr Georgius Spalatinus hat mir Antonio Musae glaubwürdig erzählt einen Traum, welchen Herzog Friedrich, Kurfürſt zu Sachſen gehabt hat zu Schweinitz, die Nacht zuvor, nämlich Aller Heiligen, ehe Dr. Martin Luther ſeine erſten Poſitiones (Sätze) wider den Pabſt und Bruder Johann Tezels Predigten von der römiſchen Gnade und Ablaß zu Wittenberg öffentlich zu vertheidigen hat angeſchlagen, welchen Traum auch Kurfürſtl. Gnaden bald frühe Mor⸗ gens zum Gedächtniß aufgezeichnet, auch denſel⸗ ben Ihrem Herrn Bruder, Herzog Hanſen zu Sachſen, in Beiſein des Kanzlers referirt hat, und geſagt: Herr Bruder! Ich muß Ew. Lbt. erzählen, was mir dieſe Nacht geträumt hat, möchte gerne ſeine Bedeutung wiſſen. Ich habe ihn ſo ordentlich wohl gemerkt, und iſt mir ſo tief eingebildet, daß mich dünket, ich könnte ihn nicht vergeſſen, wenn ich tauſend Jahr leben ſollte, denn er mir dreimal nach einander vorgekommen, doch immer verbeſſert. Hat Herzog Hans ge⸗ fragt, ob es denn ein guter oder böſer Traum? Wir wiſſens nicht, Gott weiß es, ſpricht der Kurfürſt. Herzog Hans ſagte weiter: Herr Bruder! Ew. Lbt. ſetze aber nicht viel darauf; wenn mir etwas träumet, ſo bitte ich allemal den lieben Gott, er wolle es alles zum beſten ſchicken, oder ſchlage mir ſolchen aus dem Sinn, ſo gut ich kann, wiewohl ich auch das bedenken muß, daß mir viel Träume, beide gut und böſe, ſind wahr geworden, welche ich aber erſt hernach ver⸗ ſtanden habe, aber gemeiniglich in ſchlechten ge⸗ ringen Händeln. Es ſage mir aber Ew. Lbt., was war denn nun Euer Traum? Kurfürſt Friedrich ſpricht: „Ich will's Ew. Lbt. ſagen. Als ich mich auf den Abend ziemlich matt und müde zu Bette legte, war ich bald über dem Ge⸗ bet eingeſchlafen und hatte drittehalb Stunden fein ſanft geruhet; da ich nun erwachte und ziem⸗ lich munter ward, lag ich und hatte allerhand Gedanken bis zwölf um Mitternacht, bedachte unter andern, wie ich allen lieben Heiligen, und eben (gleich) mir mein Hofgeſinde, zu Ehren faſten und feiern wollte. Ich betete auch für die armen Seelen im Fegfeuer, und beſchloß bei mir, ihnen auch ſonſt in ihrer Gluth zu Hülfe und Steuer zu kommen, bat den lieben Gott um ſeine Gnade, daß er mich und meine Räthe und Landſchaft in rechter Wahrheit wollte leiten und zur Seligkeit wolle erhalten, auch allen böſen Buben, die uns unſer Regiment ſauer machen, nach ſeiner All⸗ macht wehren. Ueber ſolchen Gedanken war ich bald im Mitternacht wieder eingeſchlafen. — Da träumte mir, wie der allmächtige Gott einen Mönch, ſeines ehrbaren Angeſichts, zu mir ſchickte, der St. Pauli, des lieben Apoſtels, natürlicher Sohn. Der hatte bei ſich zu Gefährten auf Got⸗ tes Befehl alle lieben Heiligen, die ſollten dem Mönche bei mir Zeugniß geben, daß kein Betrug mit ihm wäre, ſondern er ſei wahrhaftig ein Ge⸗ ſandter Gottes, und laſſe mir Gott gebieten, ich 30 ſollte dem Mönch geſtatten, daß er etwas an meiner Schloßkapelle zu Wittenberg ſchreiben dürfe; es ſollte mich nicht gereuen. Ich ließ ihm durch den Canzler ſagen, weil mich Gott ſol⸗ ches hieße, und er auch ſolch gewaltig Zeugniß hätte, ſo möchte er ſchreiben, was ihm geboten wäre. Darauf fängt der Mönch an zu ſchreiben, und macht ſo grobe Schrift, daß ich ſie hier zu Schweinitz erkennen konnte. Er führte auch ſo eine lange Feder, daß ſie bis gen Rom reichte und einem Löwen, der zu Rom lag, mit dem Störz in ein Ohr ſtach, daß der Störz zum andern Ohr heraus ging, und ſtreckte ſich die Feder ferner bis an die päbſtliche heilige dreifache Krone, und ſtieß ſo hart, daß ſie begann zu wackeln, und wollten Ihrer Heiligkeit vom Haupte fallen. Wie ſie nun alſo im Fallen iſt, deuchte mich, ich und Ew. Lbt. ſtunden nicht weit davon, ſtreckte ich auch meine Hand aus und wollte die Krone helfen halten; in demſelben geſchwinden Zugreifen erwachte ich und hielt meinen Arm in die Höhe, war ganz erſchrocken und auch zornig mit auf den Mönch, daß er ſeine Feder im Schrei⸗ ben nicht beſcheiden geführt. Als ich mich aber recht beſann, da war es ein Traum. Ich aber war noch voll Schlafs, gingen mir die Augen bald zu und war wieder feſt eingeſchlafen. Ehe ich es recht gewahr worden, da iſt mir dieſer Traum zum andern Mal wieder kommen, denn ich hatt's wieder mit dem Mönch zu thun, und ſahe ihm zu, wie er immer fortſchriebe; und mit dem Störz der Feder ſtach er immer weiter auf den Löwen und durch den Löwen (Pabſt Leo X.) auf den Pabſt, darüber der Löwe brüllte, daß die ganze Stadt Rom und alle Stände des heiligen Reichs zuliefen, zu erfahren, was da wäre. Und da begehrte päbſtliche Heiligkeit an die Stände, man ſollte doch dem Mönche wehren, und ſonder⸗ lich mich dieſen Frevel berichten, weil ſich dieſer Mönch in meinem Lande aufhielte. Da erwachte ich zum andern Male, verwun⸗ derte mich, daß der Traum wieder gekommen war, ließ mich doch nicht ſo gar anfechten, bat aber Gott, er wolle päbſtliche Heiligkeit für allem Uebel behüten, und ſchlief zum dritten Mal wieder ein. Da kam mir der Mönch zum dritten Mal für, und träumte mir, die vornehmſten Stände des Reichs, unter welchen ich und Ew. Lbt. auch waren, kä⸗ men gen Rom und bemühten uns ſehr, dieſe Mönchsfeder zu zerbrechen und vom Pabſt hinweg zu leiten, aber je mehr wir uns an der Feder ver⸗ ſuchten, je mehr ſie ſtarrte und knarrte, als wenn ſie eiſern wäre, auch ſo ſehr knarrte, daß mir's in Ohren wehe thät und durch's Herz ging, wurden endlich alle verdroſſen und müde darüber, daß wir abließen, und verlor ſich einer von dem andern, und beſorgten uns, der Mönch möchte mehr kön⸗ nen, als Brod eſſen, er möchte uns etwa einen Schaden zufügen. Nichts deſto weniger aber ließ ich den Mönch fragen (denn jetzt war ich zu Rom, balb zu Wittenberg, bald wieder zu Rom), woher er doch zu dieſer Feder kommen, und wie es zu⸗ gehe, daß ſie ſo feſt und zäbe ſei. Ließ er mir ſagen, ſie wäre von einer alten hundertjährigen Gans (Huß); einer ſeiner alten Schulmeiſter hätte ihn damit beſchenkt, und geboten, weil ſie gut wäre, er wollte ſie zu ſeinem Gedächtniß be⸗ halten und brauchen. Er hätte ſie auch ſelber temperiret. Daß ſie aber ſo lang und hart und feſt, käme daher, daß man ihr den Geiſt nicht nehmen oder herausziehen könnte, darüber er ſich auch ſelbſt verwunderte. Bald darauf kommt ein Geſchrei aus, als wenn aus der langen Mönchsfeder unzählig viel andere Schreibfedern hergewachſen, und es ſei mit Luſt anzuſehen, wie ſich gelehrte Leute zu Witten⸗ berg darum riſſen, und meinen eines Theils, dieſe neuen Schreibfedern werden mit der Zeit ſo lang werden, wie dieſe Mönchsfeder, und es werde gewiß etwas Sonderliches auf dieſen Mönch und auf ſeine Feder erfolgen. Da ich nun gänzlich im Traume bei mir be⸗ ſchloß, mich je eher und beſſer mit dem Mönch in eigner Perſon zu unterreden, da wachte ich endlich zum dritten Mal auf und war jetzt Morgen wor⸗ den; wunderte mich ſehr über den Traum, dachte ihm nach und bildete ihn mir wohl ein, wie er mir nach einander vorgekommen, und zeichnete mir alsbald die vornehmſten Stücke auf. Bin gänzlich der Meinung, dieſer Traum ſei nicht ohne Bedeutung, weil er mir ſo oft iſt wieder⸗ kommen, und bin bald Willens, ich will ihn meinem Beichtvater offenbaren, doch habe ich zu⸗ vorhin Ew. Lbt. auch etwas wiſſen laſſen. Ew. Lbt. und unſer Canzler ſagen mir ihr Bedenken davon.“ Herzog Hans ſagte: „Herr Canzler, was dünkt Euch; von Träumen iſt nicht allemal viel zu halten, doch ſind ſie allemal nicht gänzlich zu ver⸗ werfen; wenn wir hier einen verſtändigen, from⸗ men und von Gott erleuchteten Joſeph oder Da⸗ niel hätten, der könnte es treffen.“ Der Canzler ſpricht: „Ew. Fürſtl. Gnaden wiſſen, daß man pflegt zu ſagen: Jungfrauen, gelehrter Leute und großer Herren Träume haben gemeiniglich etwas hinter ſich. Allein was es ſei, wird man erſt wiſſen nach etlichen Zeiten, wenn ſich etwa Händel zutragen, daraus man alsdann Vermuthung nimmt und ſpricht: Siehe, darauf hat gewiß euer Traum geweiſet, wie Ew. Gnaden viel ſolcher Exempel werden bekannt ſein. Sonſten ſpricht Joſeph: Träume auslegen, ſtehet allein Gott zu; und Daniel ſagt: Gott im Him⸗ mel kann allein verborgene Träume offenbaren. Darum befehlen Ihre Kurf. Gnaden nur dieſen Traum Gott; die Mönche haben oft bei großen Herren viel Unglück angeſtiftet; dies iſt das Beſte, daß er von Gott geſandt iſt, zu ſchreiben Befehl hat, und daß alle Heiligen ſeine Zeugen ſind; es wäre denn, daß der Teufel, unter einem guten Schein, ſein Spiegelfechten haben ſollte. Ew. Fürſtl. Gnaden wird am beſten wiſſen, der Sa⸗ chen neben andächtigem Gebet chriſtlich nachzu⸗ denken.“ Herzog Hans ſpricht: „Ich halte es mit euch, Herr Canzler; denn daß wir uns lang darüber grämen und martern ſollen, iſt nicht zu rathen. Gott wird alles, ſo dieſer Traum von ihm her⸗ kommt, wiſſen zu ſeinen Ehren zu ſchicken, und uns zu ſeiner Zeit die rechte Notlag (Ausle⸗