# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1860_S170 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 170 Aus der kirchlichen Gegenwart. Es gehört in der That viel polemischer Eifer dazu, wenn ein Seelsorger und Kenner des menschlichen Herzens wie Löhe sich zu einer solchen nicht evangelischen, sondern schlecht advokatorischen Vertheidigung der „Heiligen“ vergißt. Denn wir glauben nicht, daß ihm sonst unbewußt sei, wie viel ander Ding es ist, selbsterwählte Leiden zu tragen und von Gott auferlegte, und wie Jemand über die Maßen stark sein kann in der Ertragung jener und zugleich über die Maßen schwach in Ertragung dieser. Denn Gehorsam ist besser, aber auch schwerer als Opfer. Und Alles vermag ein Mensch sich anzuthun, sofern er seinem Eigenwillen damit dient. — Es erübrigt uns noch, unser oben ausgesprochenes Urtheil über den Mangel an geschichtlicher Wahrheit in den Erzählungen der „Rosenmonate“ mit Wenigem zu begründen. Es erweckt in der That kein günstiges Vorurtheil für die kritische Sichtung und für die Glaubwürdigkeit des in dem Buche mitgetheilten Stoffes, wenn der Verfasser sogleich bevorwortet (S. XIII.), „das ganze Büchlein könne an seiner Stirne als Motto die bekannten Worte tragen: relata refero, ich berichte was ich gelesen habe.“ Wer darum etwas Anderes suche, als „die Erzählung und einsache Würdigung dessen, was auf dem Gebiete der Kalenderliteratur Jedermann zugänglich vorliege,“ der werde gewiß nicht befriedigt werden. Erwartet haben wir nun allerdings nicht mehr als eine „einfache Würdigung“ des Erzählten, wir wissen aber, wie wenig die wirkliche Würdigung den Charakter evangelischer Einfachheit und Klarheit an sich trägt. Dagegen bergen wir nicht, daß wir mehr erwartet haben, als Wiedererzählung des in der Kalenderlitteratur Vorliegenden, und wir glauben, wer Heiligengeschichten zu Morgenlectionen für (evangelische) Frauen und Jungfrauen“ (S. VII.), und um dadurch „den Sinn der Nachfolge zu wecken“ (S. 96), erzählt, von dem ist man mehr zu erwarten berechtigt. Hätte der Verfasser seiner Schrift die Aufgabe gestellt, seine Leserinnen über die im Kalender genannten heiligen Frauen zu orientiren, hätte er in einfacher Würdigung des Erzählten je nach Befund das eine Mal auf den geschichtlich erbaulichen, das andere Mal auf den legendenhaft poetischen, das dritte Mal auf den lügenhaft abgeschmackten Charakter jener Erzählungen hingewiesen, so würden wir, selbst wenn wir im Einzelnen verschiedener Meinung wären, es unterlassen von dieser Differenz zu sprechen. Aber die Sache liegt um so schlimmer, als der Verfasser, wie es der Zweck seines Buches ja freilich erheischte, gleichwohl den Versuch macht, den Wahrheitsgehalt aus dem legendenhaften historischen Stoffe wirklich auszuscheiden. Hat er doch „mit prüfendem Verstande mancherlei gelesen und wiedererzählt, was ihm wichtig und merkwürdig erschien“ (S. XIII.). Die Folge ist ein Gemengsel von Wahrheit und Irrthum, welches den Stempel der Prinziplosigkeit und Willkür allenthalben an sich trägt, bisweilen ein Beschneiden der alten sagenhaften Erzählungen, wo der Inhalt derselben über den Glauben selbst des Verfassers hinausging oder ihm anstößig dünkte, häufiger aber noch ein leichtgläubiges Wiedererzählen unbeglaubigter Sa⸗