# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1860_S169 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Aus der kirchlichen Gegenwart. 169 Gottesdienst und einem in Gottes Geboten schlicht dahingehenden Christenwandel darangegeben. Wie könnten wir sonst Aussagen begegnen wie dieser, daß Euphrasia, welche von ihrem achten Jahre an ein strenges Leben der Entsagung in einem egyptischen Kloster führte, eine „Ueberwinderin der Welt“ zu nennen sei, „sofern ja allerdings auch derjenige die Welt überwindet, der sich ihrem Genuß entreißt und sich selbst durch Abtödtung bezwingt“ (S. 78.). Als existirte die zu überwindende Welt nicht auch in der Einsamkeit des Klosterlebens, und könnte man daraus, daß Jemand einer bestimmten Form des Weltgenusses entsagt hat, mit Sicherheit den Schluß ziehen, daß er die Welt schlechthin überwunden habe. Wie könnte der Verfasser mit Wohlgefallen und ohne jegliche Anwandlung der sonst so reichlich geübten Polemik über das unnatürliche Gebahren Benedicts von Nursia berichten (S. 40. ff.), der bei seiner letztmaligen Zusammenkunft mit seiner Schwester Scholastica dieser die Bitte, sich mit ihr die Nacht hindurch über die Seligkeit im ewigen Leben zu unterhalten, abschlug, „weil es wider die Regel des Klosters sei, eine Nacht außer demselben zuzubringen“ — so daß Scholastica erst durch ihr Gebet Blitz und Donner herbeirufen muß, damit ihr Bruder genöthigt werde, das selbstgemachte Gesetz zu Gunsten des natürlichen Gebotes zu durchbrechen! Wie könnte er, sein eignes Urtheil von der „Zufälligkeit des Mönchthums“ noch überbietend, sich des Breiten in dem wiederum unbemessenen Lobe Benedicts ergehen, dessen Name in der Kirche „unter allen Umständen einen angenehmen Klang behalten“ müsse, „nicht bloß trotzdem, daß er das Ordensleben einführte, sondern gerade dadurch“ — denn „es könne für eine Zeit irgend ein Umstand alle Bedeutung verloren haben, welcher für die andere hochbedeutend war.“ Es ist nämlich „gar nicht in des Verfassers Sinn, daß er durch diese Sätze sich bei seinen Zeitgenossen erst entschuldigen müsse, wenn er Benedict von Nursia nenne“ (S. 40.). Er wird uns aber gestatten, ohne daß wir die „hohe Bedeutsamkeit“ des Mönchthums in Abrede nehmen, zu sagen, daß solch ein Urtheil, eben weil es Wahres und Falsches zusammenwirft, nicht geeignet ist, in „Morgenlectionen für Frauen und Jungfrauen“ zu stehen. Denn wenn, wie wir oben hörten, dies der Sinn und das Recht der mönchischen Entsagung ist, „die Welt in der Kirche innerlich und äußerlich zu überwinden,“ so werden die Leserinnen schwerlich zur Klarheit darüber kommen, warum die Entsagung des Ordenswesens „alle Bedeutung verloren haben sollte“ für eine Zeit wie die unsrige, in welcher „die Welt in der Kirche zu überwinden“ wahrlich soviel Ursache vorhanden ist, wie zu irgend einer andern. Vollends aber irreleitend ist die Bemerkung, womit Löhe, nachdem er „die bedeutende Kraft der Seele“ in den Entsagungen der Klara von Assisi bewundert hat, die etwaige protestantische Kritik zum Schweigen zu bringen sucht. Er meint, „die so etwas beurtheilen oder gar verurtheilen wollten, sollten zu allererst wenigstens lernen, in gleichem Frieden und mit gleicher Freude, wie Klara und die Ihrigen, die nicht selbsterwählten, sondern von Gott auferlegten Entbehrungen und Leiden des Lebens zu tragen“ (S. 246).