# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 10 13_S29 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) x liche Weiſe zugleich im Himmel ſei. War nun Chriſtus nach ſeiner Menſchheit im Stande der Erniedrigung zugleich auf Erden und im Him⸗ mel, wie können wir uns da daran ſtoßen, wenn wir hören, daß Chriſtus, als er noch die Knechts⸗ geſtalt trug, mit ſeinem Leibe natürlicher Weiſe am Tiſche ſaß, und doch zu gleicher Zeit unbe⸗ greiflicher Weiſe im Sacramente zugegen war und ſich ſeinen Jüngern mittheilte! Sollte der Menſch Chriſtus IEſus wohl zugleich im Him⸗ mel, aber nicht zugleich im Sacramente haben ſein können? Ja, wir fragen: war es Chriſto möglich, mit fünf gegenwärtigen Broden und zwei Fiſchen fünf tauſend Mann, Weiber und Kinder ungerechnet, zu ſpeiſen, und zwölf Körbe voll Brod übrig zu behalten (Matth. 14, 15—21.) — wie denn kein Menſch leugnen kann, — iſt es daher nicht unbegreiflich, wie ein Menſch noch daran zweifeln könne, ob Chriſtus am Tiſche ſitzen bleiben, und doch ſeine Jünger mit ſeinem Gottesfleiſch ſpeiſen und mit ſeinem Gottesblute tränken könne, ohne verzehrt zu werden? Freilich kann dies Wunder, ſo wenig als andere, von unſerer blinden Vernunft nicht begriffen wer⸗ den, aber der Glaube ergreift dieſes Geheim⸗ niß, in das die Engel zu ſchauen gelüſtet, in kindlichem Vertrauen zu Chriſti, des Sohnes Gottes, Allmacht und Wahrhaftigkeit und fällt voll tiefer Bewunderung und demüthig anbetend nieder, und preiſ't den Sohn Gottes, der mit den Wundern ſeiner ewigen Liebe zu uns Sündern alle Himmel zu heiligem Staunen bewegt. Wir kommen nun zu dem letzten, dem ſechs ten Grunde, welchen Herr Naſt gegen die Richtig⸗ keit des buchſtäblichen Sinnes der Einſetzungs⸗ worte anführt. Dieſer iſt: weil die Annahme, daß man den wirklichen lebendigen Leib Chriſti genieße, erſtlich dem Begriff einer Opfermahlzeit und zweitens „dem offenbaren Sinn und Zweck des heiligen Abendmahls aufs gröbſte wider⸗ ſpreche“. Hierauf haben wir dieſes zu entgegnen, erſtlich, daß Herr Naſt im Irrthum iſt, wenn er bisher der Meinung war, daß das heilige Abendmahl von den Lutheranern in dem Sinne einer Opfermahlzeit aufgefaßt werde. Es wird freilich niemand leugnen, daß das heilige Abend⸗ mahl einige Aehnlichkeit mit einer Opfermahl⸗ zeit habe, indem man in dieſem heiligen Sacra⸗ ment wie bei Opfermahlzeiten auch von dem Op⸗ fer ſelbſt genießt, was Gott dargebracht wurde, und in die Gemeinſchaft des Glaubens und Gottesdienſtes der Mitfeiernden eintritt, wie man durch die Theilnahme an den Opfermahlzeiten in die „Gemeinſchaft des Altars“ kam, wie St. Pau⸗ lus ſchreibt 1 Cor. 10, 18. Wer ſieht aber nicht auch auf den erſten Blick, daß das Neuteſtament⸗ liche heilige Abendmahl etwas weſentlich Anderes und viel Herrlicheres ſei, als eine Altteſtament⸗ liche Opfermahlzeit? Was kann nun thörichter ſein, als von den Einſetzungsworten einer gött⸗ lichen Stiftung darum abzugehen, weil ſonſt das, was wir etwa damit vergleichen wollen oder was auch damit wirklich einige Aehnlichkeit hat, nicht ganz paſſen würde? — Herr Naſt ruft freilich aus: „Wer hat je gehört, daß die Gäſte das 29 lebende Fleiſch des Opfers genoſſen?“ Ueber eine ſolche Rede können wir uns aber in der That nicht genug wundern. Denn — abgeſehen da⸗ von, daß das heilige Abendmahl in der heiligen Schrift gar nicht als eine Opfermahlzeit dar⸗ geſtellt wird — was thut das zur Sache, ob je— mand ſchon jemals von etwas Aehnlichem gehört habe oder nicht? Muß nicht bei einem Chriſten die einzige Frage die ſein: Was ſagt Gottes Wort darüber? Stünde es denn nicht in Got⸗ tes Macht und Willen, im Neuen Teſtamente eine ſolche Opfermahlzeit anzuordnen, bei welcher man das lebende Fleiſch des Opfers genießen ſolle? Ja, werden die Chriſten nicht wirklich in Gottes Wort ermahnt, ihre Leiber zum Opfer zu begeben, „das da“ im Gegenſatz zu denen des Alten Teſtamentes, „lebendig ſei“? (Röm. 12, 1.) Mit demſelben Rechte, mit welchem Herr Naſt die obige Frage thut, könnte er auch dieſe thun: Wer hat je gehört, daß man das, was man opferte, ans Creuz geſchlagen habe? u. drgl. Was nun das Zweite betrifft, womit Herr Naſt ſeinen ſechsten Grund zu unterſtützen ſucht, ſo ſteht es damit eben ſo mißlich wie mit dem Erſten; denn es iſt wohl wahr, daß „unſer Heiland in den Einſetzungsworten von einem für uns in den Tod dahingegebenen Leibe und von einem ver— goſſenen Blute ſpricht“, aber wo ſpricht er von einem todten Leibe? Oder iſt und bleibt der Leib und das Blut Chriſti, welches beides zur Zeit der erſten Feier des heiligen Abendmahles lebendig war und jetzt lebendig iſt, nicht wirklich und in alle Ewigkeit der für uns in den Tod dahingegebene Leib und das für uns vergoſſene Blut? Sieht Herr Naſt nicht, daß mit dem Zu⸗ ſatz: „Der für euch in den Tod gegeben und das für euch vergoſſen wird“, nicht der Zuſtand be⸗ zeichnet werden ſoll, in welchem ſich der Leib und das Blut befinden, ſondern daß der Gegenſtand nur genau bezeichnet werden ſoll, von welchem Chriſtus redet? Herrn Naſt iſt bei Aufſuchung ſeines ſechsten Grundes offenbar dasſelbe wider— fahren, was ihm bei Auffindung des vierten widerfuhr; er hat nemlich das Was? mit dem Wie? (das Quod mit dem Quale, das Objectum mit dem Modus, wie der Logiker ſagt,) ver⸗ wechſelt, denn Chriſtus ſagt wohl, daß er im heiligen Abendmahle keinen anderen Leib gebe, als welcher, aber nicht welchergeſtalt er,‚ dahingegeben iſt, und kein anderes Blut, als welches, nicht welchergeſtalt es, vergoſſen iſt. Dieſer Zuſatz ſoll und kann nur anzeigen, daß im heiligen Abendmahle nicht etwa ein geiſt⸗ licher Leib und ein geiſtliches Blut oder ein bloßes Zeichen des Leibes, ſondern der wirkliche Leib und das wirkliche Blut Chriſti gegenwärtig ſei denn nur dieſes iſt in den Tod gegeben und ver⸗ goſſen worden. — Oder meint etwa Herr Naſt, daß man bei dem heiligen Abendmahl nur dann Chriſti Tod feiern könne, wenn ſein Leich⸗ nam (und nicht ſein lebendiger Leib) ent⸗ weder da ſei, oder, da dies nicht möglich ſei, doch durch Zeichen dargeſtellt werde? Mag er dies meinen, ſo iſts eben nur ſeine Meinung, beweiſen wird er es nimmermehr, und noch viel weniger damit einen Chriſten zu dem Glau⸗ ben bewegen, daß die Worte Chriſti: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, ſo viel heißen müßten, als: „Das iſt nicht mein Leib; das iſt nicht mein Blut.“ Ehe wir für diesmal ſchließen, erwähnen wir nur noch, daß Herr Naſt auch die Worte: „Dieſer Kelch iſt das Neue Teſtament (oder Bund) in meinem Blute“ (1 Cor. 11, 25. durchaus falſch ausgelegt habe. Er bezieht nemlich die Worte „in meinem Blute“ auf das Wort „Teſtament“. Daß dies unſtatthaft ſei, geht aus dem griechi⸗ ſchen Urtert hervor. Nach den Regeln der grie⸗ chiſchen Grammatik müßte nemlich der vor den Worten „Neues Teſtament“ ſtehende Artikel vor den Worten „in meinem Blute“ wiederholt ſein, wenn dieſe letzteren Worte mit den erſteren verbunden werden ſollten; eine ſolche Wieder⸗ holung findet aber im Urtexte nicht ſtatt, daher die Worte „in meinem Blute“ mit: „Dieſer Kelch“ nothwendig verbunden werden müſſen, ſo daß der Sinn des ganzen Satzes kein anderer als dieſer ſein kann: „Dieſer Kelch iſt das Neue Te⸗ ſtament wegen meines Blutes“, welches nem⸗ lich dieſer Kelch enthält, wie Chriſtus dieſe Worte ſelbſt auslegt in den Parallelſtellen: „Das iſt mein Blut des Neuen Teſtamentes, das für viele vergoſſen wird“ ꝛc. Matth. 26, 28. Marc. 14, 24. Wer übrigens mit der griechiſchen Sprache nur einigermaßen vertraut iſt, dem wird es nicht auffallen, daß das Wörtchen „in“ ſo viel als „wegen“ bedeuten ſoll; um nur Ein Beiſpiel anzuführen, ſo wird es unter Anderem in der⸗ ſelben Bedeutung Matth. 6, 7. gebraucht, wo im Urtexte ſteht: „Denn ſie meinen, ſie werden er⸗ hört in Viel⸗Worte-machen“, d. h. wegen ihres Viel⸗Worte⸗machens. — Hiezu kommt noch, daß Chriſtus nach dem griechiſchen Urterxte Lue. 22, 20. merkwürdiger Weiſe von dem Kelche ſagt, daß er für uns vergoſſen werde, was natür⸗ lich nicht geſagt werden könnte, wenn der ge— ſegnete Kelch nicht das für uns vergoſſene Blut Chriſti wirklich enthielte. Weit entfernt alſo, daß die Worte: „Dieſer Kelch iſt das Neue Teſta⸗ ment in meinem Blute“, für Herrn Naſts Mei⸗ nung von bloßen Zeichen des Leibes und Blutes Chriſti im heiligen Abendmahle ſprechen, ſo ſind vielmehr auch dieſe Worte unwiderſprechliche Zeugen für die wahrhafte und weſentliche Gegen⸗ wart des Leibes und Blutes Chriſti in dieſem allerheiligſten Sacrament. So ſchließen wir denn hiermit den erſten Theil unſerer Widerlegung, in welchem wir dem Apo⸗ logeten Schritt für Schritt gefolgt ſind, mit dem Wunſche, daß Herr Naſt unſere ohne alle Bitter⸗ keit und Leidenſchaftlichkeit gemachten Erinnerun⸗ gen mit gleicher Liebe aufnehmen und ebenſo ruhig prüfen möge, und daß die hierbei nicht zunächſt intereſſirten Leſer die Trockenheit entſchuldigen mögen, an welcher eine ſolche Widerlegung noth⸗ wendig leiden mußte. Wir meinen, wer die harte und rauhe Schale der Darſtellung nicht ſcheut, wird nicht von einem ſüßen Kern wichtiger Wahr⸗ heiten leer ausgehen. Wir hoffen auch, daß bei der Fortſetzung in den nächſten Nummern die lieben Leſer mit uns freier athmen werden. (Fortſetzung folgt.)