# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1860_S167 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Aus der kirchlichen Gegenwart. 167 Wir halten es für nöthig, unser oben im Allgemeinen ausgesprochenes Urtheil im Einzelnen weiter zu begründen. „Man liest,“ so sagt der Verfasser der „Rosenmonate“ (S. 92.), „trotz der Monotonie jeden Lebenslauf eines Märtyrers der ersten Jahrhunderte und jeden Entsagungsgang eines Mönches oder einer Nonne der späteren Zeit mit erneuter Befriedigung. Versteht sich: was haben denn die Christen der ersten Jahrhunderte Besseres thun können und sollen, als die Welt außer der Kirche bekämpfen und überwinden, — und was konnten und können die Christen der späteren Zeit für sich und Andere Heilsameres unternehmen, als die Welt in der Kirche innerlich und äußerlich überwinden? So wandeln beide dem Lamme Gottes nach, welches durch Entsagung, Aufopferung und Unterliegen selbst zu ewigen Ehren kam und uns ein ewiges Heil erwarb. Kloster und Mönchthum mag man, wenn man will, zufällige Formen des Lebens nennen, wie wir es geschildert haben, aber mit Abrechnung dieser Formen haben auch die wahren Christen unserer Tage, auch die protestantischen in ihren Landeskirchen, keine andere Aufgabe.“ Wir fragen, kann es ein verwirrenderes Urtheil über die mittelalterliche Askese geben, als diese Gleichstellung des von Gott verordneten Lebens⸗ und Leidensganges eines Märtyrers der ersten Jahrhunderte und des selbsterwählten, nicht selten Gott versuchenden Entsagungsganges eines Mönches oder einer Nonne im Mittelalter? Hat der sechste Artikel der Augsburgischen Confession seine Geltung verloren, „daß man müsse gute Werke thun, allerlei, so Gott geboten hat?“ Freilich, für wen das Urtheil über „Kloster und Mönchthum“ damit abgeschlossen ist, daß er sie, „wenn man will“, zufällige Formen des Lebens nennt, für den wird jene Gleichstellung vielleicht nichts Befremdliches haben. Inzwischen wird die evangelische Kirche, deren Lehre von der Heilsordnung doch Herr Pfarrer Löhe selbst zu den fundamentalen rechnet, ihr auf Gottes Wort und Geschichte begründetes Urtheil festhalten, daß das Mönchthum nach seinem historischen Bestand, um es mild zu sagen, auf das Engste verflochten gewesen ist mit einer Schädigung der gesunden evangelischen Lehre von Gesetz und Evangelium, von Glauben und Werken, und daß darum eine Behauptung, wie die des Verfassers, als irreleitend und haltlos zurückgewiesen werden muß. Freilich scheint, dafern wir jenes „wenn man will“ im Zusammenhange mit anderen Aeußerungen recht deuten, selbst jene Behauptung noch wie eine Concession an protestantische Vorstellungen gefaßt werden zu müssen. Der Verfasser erzählt uns (S. 13. ff.) das Leben der Römerin Paula. Er erzählt es, nachdem er zuvor selbst den protestantischen Kanon, „es sei keine Vollkommenheit, Weib, Kind und zeitlichen Beruf zu verlassen und in die Einsamkeit zu gehen,“ beifällig erwähnt hat. „Wen Gott einsam macht, ihm die Seinen nimmt, ihn für den zeitlichen Beruf untüchtig werden läßt, der hat einen göttlichen Beruf, sich in der Aufgabe alles Zeitlichen zu üben; wer aber durch Gottes Fügung Familie und einen zeitlichen Beruf hat, der hat eine andere Aufgabe, dem Herrn in der Familie und im irdischen Berufe zu dienen; auch hier gilt, was geschrieben ist: ein jeder bleibe in dem, darin er berufen ist.“