# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1860_S166 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 166 Aus der kirchlichen Gegenwart. heit geboten werden, da verlangen wir vor Allem geschichtliche Wahrheit, und wer uns diese zu geben nicht wenigstens den entschiedenen Willen hat, sondern meint, es komme auf ein paar Wunder ab oder zu nicht an, der hat es zu verantworten, wenn das gegenwärtige Geschlecht, statt die ersonnenen Wunder mit den wirklichen hinzunehmen, vielmehr die wirklichen mitsammt den ersonnenen über Bord wirft. Wir haben oben gezeigt, daß die Löhe'sche Richtung, nachdem sie von ihrer früheren Sprödigkeit zurückgekommen, noch im Suchen nach sicheren Principien begriffen ist und dermalen ohne Klarheit umherschwankt. Sie characterisirt sich ebenso in den „Rosenmonaten heiliger Frauen“. Der Verfasser kennt „die selbsterwählten Wege der Heiligung“, in denen die Askese der mittelalterlichen Heiligen sich erging. Er weiß, daß man sich „durch viele fremdartige, ja wohl auch giftige und verwerfliche Pflanzen und Gewächse hindurchdrängen muß“ (S. XIV.), um den Strom des Glaubens und der Liebe zu Christo im Mittelalter zu finden. Aber seine Urtheile entsprechen dem nicht, sie sind vag, unbestimmt, haltlos, irrig. So begegnet uns an verschiedenen Stellen jenes Buches die Lieblingsformel, womit der Verfasser etwaige Kritik der Fehler seiner Heiligen niederzuschlagen sucht, „sie seien unsrer Zeit zu groß,“ diese „ihrer nicht fähig“ (z. B. S. 39., S. 52., S. 337.). Für das christliche Urtheil aber ist es gleichgiltig, ob jene Fehler unserer Zeit erreichbar sind oder nicht, und die selbsterwählten Wege der Heiligung werden darum nicht besser, daß ein energischer Wille oder ein großer Hochmuth sie sich mehr abseits von der gewöhnlichen Fahrstraße und mehr durch Dick und Dünn gebahnt hat, als dies in der Gegenwart zu geschehen pflegt. Man wird uns vielleicht entgegenhalten, insofern jene sauren, dem Fleische wehethuenden Wege selbsterwählter Heiligung Aeußerungen, wenn schon irregeleitete Aeußerungen einer Hingabe an den Herrn seien, deren Stärke und Intensität auf die Stärke dieser Hingabe zurückschließen lasse, könne man allerdings hier von Fehlern reden, die zu begehen die jetzige Welt nicht vermöge. Aber wir müssen die Richtigkeit des Schlusses beanstanden. Es ist nicht wahr, daß das Maß der Energie, mit welcher dergleichen Wege verfolgt werden, das Maß der Stärke sei, womit der Heilige dem Herrn sich hingegeben habe. Wir behaupten, daß jene „großen Fehler“ für viele Heilige die Klippen waren, an denen ihre Hingabe an den Herrn scheiterte oder zu scheitern drohte, und daß man darum mit gleichem Rechte das Maß des Nachlassens in jener selbsterwählten Askese als das Maß der Liebe zum Herrn fassen könne wie umgekehrt. Jene Askese, da sie ebensowohl dem natürlichen Menschen wie dem wiedergeborenen erreichbar ist, kann überall nicht dazu verwendet werden, ein Urtheil über den christlichen Character zu begründen. Und zwar, daß wir nicht mißverstanden werden, auch in dem Sinne nicht, daß es Fehler seien, welche einen christlichen Heroismus voraussetzten. Auch im Kural des buddhistischen Tiruvalluver wird gesagt: „Wenn du der Büßer geistige Größe zu messen dich unterfängst — das ist, als wolltest du die Todten zählen;“ und es fragt sich, wer sich weher gethan hat, die indischen Büßer oder die mittelalterlichen Heiligen.