# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1860_S163 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Aus der kirchlichen Gegenwart. 163 von dem „verhältnißmäßig reinsten Bekenntniß“ für etwas Anderes als für einen verfehlten Ausdruck anzusehen.*) Fragt man daher, worin der Unterschied der jetzigen Löhe'schen „Richtung“ von der seiner exclusiven Freunde besteht, so erhält man zur Antwort, nicht das traditionelle Lutherthum wolle sie, wie jene, denen die ganze Lehrentwickelung für abgeschlossen und in den Symbolen der lutherischen Kirche fixirt und niedergelegt gilt, sondern ein Lutherthum, „welches neben dem stätigen ein bewegliches Element hat; das sich selbst corrigirt durch eine bessere und tiefere und vollere Erkenntniß, die es aus der heil. Schrift gewinnt; ein Lutherthum, das auf Grund der Errungenschaft der Reformation weiter baut in Lehre und Leben und in allen Stücken die Vollendung anstrebt, die uns verheißen ist; ein Lutherthum, das seine Aechtheit und seinen reinen Ursprung damit nachzuweisen bereit ist, daß es darthut, wie die abweichenden, scheinbar neuen Resultate seiner Glaubensanschauung biblisch und dem Geist und der Eigenthümlichkeit der lutherischen Reformation entsprechender seien, als die gegentheilige Auffassung; ein Lutherthum, welches die Aufgabe sich stellt und die Mühe nicht scheut, sich mit den Ergebnissen der modernen Theologie und der veränderten Art und Weise zu denken und seine Gedanken auszusprechen, wie sie jedem Zeitalter eigen sind, aus einander zu setzen und zu prüfen, was daran verwerflich und was zum Bau des Reiches Gottes dienlich ist; ein Lutherthum, das im Centrum der heil. Schrift sitzend, unvermischt und unverworren mit allen fremdartigen Elementen, streng und ausschließend wie eines, doch die Wahrheit überall anerkennt, wo es sie findet, und Gerechtigkeit übt und Milde im Urtheil über andere Confessionen; das sich neben den greiflichen Unterschieden auch der vorhandenen Einigkeit, die über den Confessionen steht, bewußt ist und sich derselben von Herzen freut, so wie es umgekehrt dem beschränkten, engherzigen Parteistandpunct auch der eignen Confession entgegentritt und ihn bekämpft.“ So die Characteristik des „Standpunctes“ und der „Richtung“, wie sie das Correspondenzblatt sich und seinen Freunden zueignet. Neu ist an jener Ausführung zunächst nur dies, daß diesmal von Neuendettelsau her vor *) Im Gegentheil, glauben wir, hat man kein Recht, jene bedenkliche Aussage für einen verfehlten Ausdruck anzusehen. Denn wenn die „Richtung“ den Grundsatz aufstellt: Das Lutherthum habe neben dem stätigen ein bewegliches Element, das sich selbst corrigirt durch eine bessere und tiefere und vollere Erkenntniß, so kann man die Versicherung: die „Richtung“ sei nicht gemeint, auch nur die geringste Wahrheit, welche die Reformation ans Licht gebracht, beeinträchtigen zu lassen, nur so verstehen, daß blos diejenigen Wahrheiten unbeeinträchtigt gelassen werden sollen, welche die „Richtung“ als Wahrheiten ansieht, nicht aber alle diejenigen, welche die Kirche der Reformation dafür gehalten hat; und das Bekenntniß der reformatorischen Kirche ist nicht das reine, sondern nur das „verhältnißmäßig reinste“ unter den verschiedenen Bekenntnissen, die alle ohne Ausnahme von falscher Lehre nicht frei sind. — Da übrigens das „corrigirende Element“ nur mit dem Lutherthum selbst, nicht schon mit dem Vollzug der reinigenden Arbeit der Löhe'schen „Richtung“, ersterben kann, so sieht es auch um die noch von der letzteren festgehaltenen Wahrheiten mißlich aus, und die Aufgabe des Gottesmenschen ist nicht mehr zu bewahren, sondern zu corrigiren, was ihm vertraut ist. L. u. W.