# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1860_S149 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Umschau. 149 und daß kirchliche wie politische Verhältnisse und Ereignisse mit aller Macht auf eine solche hindrängen. Besonders was die Kirche anbelangt, so sind es nicht bloß äußere Umstände und Vorgänge, sondern vornehmlich die innere Haltung und Gestaltung derselben ist's, die auf eine durchgreifende Entscheidung hindrängt. Denn obwohl der Weltgeist und Unglaube von je her in der Kirche Christi sich auch regte, obwohl er von Zeit zu Zeit in recht groben Ausbrüchen hervortrat und sich geltend zu machen suchte, obwohl die Unsittlichkeit in frühern Zeiten wohl hin und wieder in nackterer Lasterhaftigkeit sich kund that als in unseren Tagen; so systematisch ist die Gottlosigkeit noch nie hervorgetreten wie jetzt und noch nie hat sie solche Anerkennung gefunden. Der vulgäre Rationalismus hat doch noch auf Anerkennung eines außerweltlichen Gottes und auf Sittlichkeit und Ehrbarkeit gehalten und gedrungen; der Straußianismus, der nichts anderes ist als die consequente Durchbildung des Rationalismus zum vollendeten Unglauben, zur vollständigen Herabsetzung der göttlichen Offenbarung in ein irrthumvolles, mährchenhaftes Menschenwort, fand wohl vielfältigen Anklang, aber geringen Eingang bei dem Volk, weil er zu viel Nachdenken und immerhin eine nähere Bekanntschaft und Beschäftigung mit der Schrift zu seinem Verständniß erforderte, und dazu war dies Geschlecht längst nicht mehr geneigt; als aber der Materialismus auftrat, mit frecher Stirne Gott und Seele auf Grund neuerer Naturforschung hinwegdisputirte und damit auch Gewissen, Verantwortlichkeit, Unsterblichkeit, Gericht, Himmel und Hölle auf dem einfachen Wege des Stoffwechsels beseitigte, und eben damit auch die volle Freiheit für alles fleischliche Wesen, für alle Sünden und Laster proclamirte: das schlug ein! Denn das war Philosophie nicht nur für den gemeinen Menschenverstand, sondern für alle Gemeinheit des Sinnes, sowohl für die schmutzige des Eckenstehers, als für die elegante des blasirten Gecken in Glaceehandschuhen, als für die wissenschaftlich ausgeputzte und aufgestutzte des sogenannten Gelehrten. Das war die nun ans Licht geförderte Religionslehre dieses Geschlechts, dessen Götze die Materie und Industrie, und dessen Lebensweisheit und Regel ist: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir todt.“ Der Rumor, den sie machte, ist schon wieder vorüber, denn es rauscht in unsern Tagen alles dahin wie das schnaubende Dampfroß; aber wer da meint, daß auch ihr Eindruck und ihr Geist vorübergeflogen sei, der ist gewiß in großem Irrthum. Das ist der Geist, der sich wider alles kirchliche in allen Landen setzt, der Geist, der vor allem Zucht hasset und sich einmüthig gegen alle christlich⸗sittliche Zucht und Ordnung erhebt als wider eine neue Ausgeburt aller Pfaffenherrschaft. Denn wäre es nur ein solcher Herrschaft widerstrebender, aber dennoch ein sittlich⸗christlicher Geist, so würde er die Nothwendigkeit christlicher Zucht und Ordnung anerkennen und sie selbst in die Hand nehmen, damit sie nicht in vorgeblich unreinen und herrschsüchtigen Händen mißbraucht würde. Wäre es ein wahre Freiheit liebender, sittlich⸗christlicher Geist, der nur die einige höchste Auctorität in Glaubenssachen, den HErrn und sein heiliges Wort anerkennte, nicht aber dulden wollte, daß