# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1860_S145 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die lutherische Kirche und die Union. 145 Unterscheidungslehren seien bloß verschiedene Lehrweisen (Lehrtropen), also nicht wirklich entgegengesetzte Lehren. Eine dritte Weise ist die, daß man die Unterscheidungslehren zwar als wirklich entgegengesetzte Lehren anerkennt, aber ihnen die Wichtigkeit abspricht, welche eine Trennung der Kirche rechtfertigen könnte. Das geschieht so, daß man sie für nicht fundamental, oder so, daß man sie für blos theologisch und nicht religiös erklärt. Endlich eine Begründungsweise für die Indifferenz der Bekenntnißunterschiede ist noch die, daß man den Werth der Einigung so hoch stellt, daß dagegen die Bedeutung dieser Unterschiede, wie hoch immer man sie anschlagen möge, doch zurückstehen müsse. Nachdem Stahl den Ungrund dieser Beweisführungen nachgewiesen hat, zeigt er in den drei folgenden Kapiteln die Quelle des Unionsstrebens auf, und zwar ist diese eine dreifache, das Interesse der Reformirten, des Pietismus und der neueren „Vermittlungstheologie“. Das Interesse der Reformirten. „Die Union ist schon an sich selbst betrachtet ein Sieg der reformirten Lehre über die lutherische. Denn die lutherische Lehre ist in den Hauptstücken des Dissensus überall Position, die reformirte dagegen Negation. Dort: wir empfangen den Leib des Herrn im Abendmahl, die Sakramente haben eine reale, eigenthümliche Gnadenwirkung, das Amt hat eine besondere Vollmacht. Hier: wir empfangen nicht den Leib des Herrn im Abendmahle, die Sakramente haben keine eigenthümliche Wirkung, das Amt hat keine besondere Vollmacht. Werden nun aber Position und Negation für indifferent erklärt, so ist schon dem Gedanken nach nicht die Negation, sondern die Position aufgegeben. Die Union führt aber auch aus demselben Grunde im Erfolg dazu, daß die lutherische Lehre verschwindet. Denn eine Glaubenslehre, von der das Gegentheil ebenso zulässig und berechtigt gilt, kann sich nicht als Glauben erhalten. Es wird deshalb mit vollem Recht behauptet: eine Kirche, in welcher die Union durchgeführt ist, ist eine reformirte Kirche.“ Zweitens ist die Union ein Interesse des Pietismus. Wie es sein Wesen ist, das Gewicht mehr auf die Herzensfrömmigkeit als auf die correkte Lehre zu legen, so müssen ihm die confessionellen Abweichungen in der Lehre, da sich ein unmittelbarer Zusammenhang derselben mit der Herzensfrömmigkeit nicht sofort darstellt, von geringerer Bedeutung erscheinen. Daß die Gläubigen eines Ortes oder Landes gemeinsam ihre Erweckung in einem frommen Wandel bethätigen, ist ihm ein näher liegendes Ziel, als die Erhaltung der vollen reinen Wahrheit für die Christenheit. In seiner ursprünglichen lauteren Gestalt geht nun der Pietismus hierin nicht weiter, als zu der wirklich begründeten brüderlichen Anerkennung der Reformirten und deren Bethätigung im Leben. Eine Einigung der Kirchen über die erkannte lutherische Wahrheit hinweg gilt ihm noch als unzulässig. Das ist namentlich die Stellung Speners. Aber bei der späteren Weigerung des Pietismus, daß er das Christenthum immer mehr in das Gefühl und die fühlbare Erweckung setzte und immer mehr auf den Einen Punkt der Versenkung in die Wunden Christi, mit Zurücksetzung alles Uebrigen beschränkte, kam man dazu,