# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1860_S142 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 142 Die lutherische Kirche und die Union. nahm sie in sich auf, aber sie hatte keine Macht über ihn. Die Entwicklung und die Wirksamkeit seines Lebens ging von Anbeginn bis an's Ende nur auf das Eine: „was muß ich thun, daß ich selig werde“? Umgekehrt war Zwingli zuerst blos den Gang der humanistischen Bildung und ihrer Interessen gegangen. Nicht die Frage: „wie soll ich selig werden?“ sondern die Frage, „wie erreiche ich für mich und für mein Volk eine ähnliche Größe, wie die des classischen Alterthums“, war ursprünglich sein Beweggrund. Er nahm nachher aufrichtig und warm auch den evangelischen Beweggrund in sein Gemüth auf, aber ohne jenen aufzugeben, ohne eine Bekehrung, ohne ein Bewußtsein ihres scharfen Gegensatzes, sondern indem er beide mit einander mengte. Zwingli's Individualität stand auch tief unter der Luther's. „Luther war nach allen Seiten hin der Mann, seinem Zeitalter den Namen zu geben. Der Mittelpunkt seines Wesens ist sein Glaubensheldenthum und seine Glaubensreife, die sein ganzes Thun und Denken erfüllte. Außerdem war er auch von der höchsten menschlichen Begabung in allem, was sich auf das Geistliche bezieht, ähnlich wie Cäsar für das ganze weltliche Gebiet. Er hatte die Gabe der Theologie, die in der Geschichte der Christenheit unübertroffen ist. Er hatte aber auch die Gabe des Dichters.. Er hatte die Gabe des Philosophen.. Dazu war Luther ein ganzer voller Mensch. Es ist nichts Menschliches, was er nicht warm und lebendig in der Seele trug. Kraft und Weichheit, heiliger Ernst und Humor, das Ideale und das nüchtern kräftig Wirkliche, die weltbewegenden Thaten und die kleinsten persönlichen Verhältnisse, Eifer für das unverbrüchliche Wort und Gebot Gottes und Anerkennung jedweder Individualität und ihrer freien ureignen Regung, die Höhen und die Niederungen der Gesellschaft, den Werth des Ueberkommenen und die Aufgabe der neuen Schöpfung, alles war sein in gleicher Weise.“ „Zwingli dagegen ist wohl auch von einer hervorragenden Begabung an wissenschaftlichem und praktischem Verstand und männlichem Muth, kräftig in Gedanken, kräftig in Thaten, der gelehrten Bildung seiner Zeit kundig, von einer Wärme des Gefühls, einer Treue in allen persönlichen Verhältnissen gegen Freunde und Vaterland, von einem schlichten, heiteren, herzlichen Wesen. Aber es geht doch durch seine ganze Denkart ein Zug von Nüchternheit, der mitunter an Plattheit streift. Der gesunde Menschenverstand, den er in so reichem Maße besaß, schlug bei ihm leicht um in den gemeinen Menschenverstand. Darnach macht er sich denn auch alles plan und hat die Zuversicht, sich alles plan machen zu können, und was er nicht plan machen kann, das findet er nicht glaublich.. Damit verbindet sich bei ihm ein Hang, auch die Zustände plan d. i. tabula rasa zu machen. Hieraus entspringt dann einerseits eine kräftige, derbe, nüchterne Richtung auf das Praktische, andererseits eine Ertödtung des Idealen, des Geheimnißvollen und des Geschichtlichen.“ Dieser Verschiedenheit ihrer Richtung und ihrer Individualität gemäß sind denn auch die Reformationen der beiden Männer verschieden. Luther's Reformation ist an erster Stelle Gründung (Position), Zwingli's Reformation an erster Stelle Verneinung: der Kampf gegen Menschensatzungen. Bei Luther